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07/05/2022
Dmytro Markow ist ein Aktivist und Fotograf, der die russische Armut und das Landleben dokumentiert.
2021 wurde er in Moskau verhaftet und im Warteraum der Polizei ein Foto gemacht. Es wurde bald zu einem Meme und einer Metapher für Putins Russland: die Leere, die gesichtslose Polizeibrutalität und die Anbetung des „lieben Führers“.

Es gibt nichts Dümmeres, als über die Größe deines Reiches zu schreien, während du selbst nichts am Leib hast.

Wenn man den Sprechpuppen in Moskau zuhört, könnte man denken, dass sie immer noch eines der geopolitischen Machtzentren der Welt regieren. Sie drohen mit Atomwaffen und stellen pompöse Forderungen. Aber wenn man auf Russlands eigene Statistiken blickt, wird man ein schreckliches und absurdes Scheitern der Gesellschaft und der Regierung beobachten. Etwa 35 Millionen Russen haben keine Sanitäranlagen im Haus … und ein Viertel der Bevölkerung ist mit einer Außentoilette zufrieden. In einem Staat, der 2006 bis 2021 über 90,8 Billionen Rubel mit dem Verkauf von Gas und Öl verdient hat, leben die Menschen immer noch unter mittelalterlichen Bedingungen. Der echte Platz Russlands war nie unter den erfolgreichen Ländern der Welt. Der Kreml hat das Land zur eigenen Außentoilette gemacht.

Das russische Reich kolonisierte die gefrorene östliche Tundra, um ihre Ureinwohner zu unterwerfen.
Die UdSSR besiedelte sie mit Kriminellen und politischen Dissidenten, die dort Zwangsarbeit leisten und Öl, Gold und Diamanten gewinnen mussten. Das moderne Russland ließ die Siedlungen voll von verlorenen, wütenden und verarmten Leuten einfach verrotten. Fern von Zeit und Zivilisation. Die russische „Größe“ im Einsatz.
Foto: Dmytro Markow in Chilok, die Region Transbaikalien.

Der einzige echte Beitrag Russlands zur modernen Weltwirtschaft sind Gas und Öl. Die Rohstoffe machen 60% von allen Exporten und 40 % von Russlands Staatshaushalt aus. John McCain hatte im Wesentlichen recht, als er sagte: „Russland ist jetzt eine Tankstelle, die sich als ein Land maskiert.“ Andere Staaten mit einem ähnlichen „ölgetriebenen“ Hintergrund (wie die Vereinigten Arabischen Emirate) versuchen, ihre Wirtschaft durch Investitionen in Technologie und Tourismus zu erweitern. Aber Russland bleibt immer noch eine Tankstelle auf einem Globus, der sich auf erneuerbare Energien hinbewegt.

Wissenschaft und Technologie in Russland

Russlands Elite gibt vor, mit dem Westen konkurrieren zu können. Aber Russlands BIP ist geringer als das Bruttoinlandsprodukt von Kalifornien. Oder von Texas. Oder von New York. Die Marktkapitalisierung von Apple insgesamt überschreitet die russischen jährlichen Produktionsergebnisse. 30 Jahre nach dem Zerfall der UdSSR hat Russland beinahe nichts im Bereich der technologischen Innovation erreicht. Vom viel diskutierten „russischen nationalen Smartphone“ wurden insgesamt 370 … nein, nicht Tausend oder Millionen, 370 einzelne Stück verkauft. Andere  intelligente Gadgets und „Durchbrüche“ wurden als PR-Projekte der Regierung verwendet, doch später stellte es sich heraus, das sie Fälschungen mit chinesischen Teilen und westlicher Software waren.

Das Projekt des „souveränen Internets“, das die russische Regierung zunächst als ihre eigene „nationale Antwort auf das propagandistische Netz des Westens“ präsentierte, erwies sich auch größtenteils als Hoax. Das Land besitzt keine Technologie, um sein Internet zu sichern. Das vom Parlament verabschiedete Gesetz zwang Internetanbieter einfach dazu, ihre eigenen Bürgern auszuspähen, Informationen an den FSB zu liefern und den Zugang zu freien Medien zu verbieten. Immer noch mit westlichen Technologien.

Das „souveräne Internet“ wurde sofort zu einem Meme. Es tauchten Witze darüber auf, wie die Technologie vom mittelalterlichen orthodoxen Christentum, dem Stalinismus und der Paranoia über den Westen angetrieben würde.
Das Bild enthält die Inschriften, wie „Herr, rette uns“, „Obama ist scheiße“, und stellt Stalin als einen orthodoxen Heiligen dar.

Die Wissenschaft – ein Antrieb des technischen Fortschrittes – ist ebenfalls in einem bedauerlichen Zustand. Die Russen behaupten, dass ihre Forscher den weltweit 7. Platz gemessen an der Anzahl von veröffentlichten wissenschaftlichen Artikeln einnehmen. Doch wie immer gibt es da einen Pferdefuß. Es stellt sich heraus, dass es einen abwegigen Anreiz gibt: Wissenschaftler werden einfach nach der Anzahl ihrer Publikationen bezahlt. Diese Entscheidung erwies sich jedoch als nicht sehr klug, da sie nur eine große Plagiatswelle auslöste. Russlands eigene Nachforschungen entdeckten plagiierte Forschungsarbeiten in 541 wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Im Global Innovation Index befindet sich Russland auf dem 45. Platz, hinter Malaysia, Bulgarien und Zypern.

Die Luft- und Raumfahrtindustrie war einst der Stolz der Sowjetunion. Jetzt aber ist sogar diese Branche von der Korruption der russischen Regierung erfasst und zum traurigen Spott ihres früheren Selbst geworden. Putin heizt zwar die Massen mit Geschichten über Gagarin an, in Wahrheit aber schmarotzt er nur von der Vergangenheit. In der Gegenwart stürzen moderne russische Raketen ab oder versagen wegen mangelhafter Software und der Inkompetenz der Ingenieure (in einem Fall wurden die Geschwindigkeitssensoren umgekehrt installiert, in einem anderen erfolgte der Start, bevor die Motoren vollständig betriebsbereit waren). Die Astronauten fliegen in alten noch 1967 gebauten sowjetischen Sojus-Schiffen, die vier Jahre älter als Elon Musk sind. Nicht seine SpaceX-Raketen, der Mann selbst. Anstelle von technologischem Fortschritt und fachkundigen Reparaturen lässt Russland seine Raketen von orthodoxen Priestern „zur Sicherheit“ segnen.

Russischer Priester beim Segensritual auf dem Kosmodrom Baikonur vor dem berüchtigten Absturz einer Sojus-Rakete in 2018.
Foto: NASA

Russisches Gesundheitswesen

Im Bereich der neueren Entwicklungen kursierten viele Mythen um den russischen COVID-Impfstoff Sputnik. Die russische Propaganda bemühte sich, ihn als einen riesigen technologischen Sieg darzustellen, angeblich „die erste weltweit einzigartige medizinische Lösung“, die … nach dem Testen von insgesamt 76 Personen erreicht wurde. The BMJ: British Medical Journal:

Es gab zu viele Zweifel, als Präsident Putin die Welt mit einer Ankündigung überraschte, dass wegen der Notsituation Sputnik V schon im August 2020 für die Verwendung genehmigt würde, vor der Veröffentlichung der Ergebnisse der Phase I oder II und vor dem Beginn des Phase-III-Prüfprozesses.

Eine frühe Genehmigung und der russische Schwulst um den Impfstoff riefen Skepsis unter den Wissenschaftlern hervor. 30 Wissenschaftler weltweit unterschrieben im September einen offenen Brief, in dem sie Inkonsistenzen der Phase-I- und Phase-II-Studie kritisierten.“

Ein Feldlazarett im russischen Fernen Osten während einer COVID-Inspektion. 2020 brach ein Protest unter Goldgräbern und Bohrinselarbeitern aus. Sie kritisierten die Regierung,  großflächige Ausbrüche zu ignorieren, während die in Notunterkünften zusammengepferchten Menschen starben. Die Arbeiter forderten Behandlung und Evakuierung. Die Regierung bot nur symbolische Hilfe an und ignorierte ihre Forderungen. Die Menschen in anderen Städten blieben weitgehend gleichgültig.
Foto: Russischer Staatlicher Dienst für Notfallsituationen

Russland reagierte auf die Kritik an Sputnik mit einer Schmutzkampagne gegen andere Impfstoffe. Selbst Putins Sprecher Peskow nannte AstraZeneca einen „Impfstoff für Affen“ und behauptete, Sputnik sei seinen ausländischen Konkurrenten weit voraus. Alle, die sich in der UdSSR-Geschichte auskennen, erinnerten sich sofort an die Prahlerei der sowjetischen Führer über die technologische Überlegenheit der UdSSR, während ihre Bürger keinen Zugang zu hygienischen Produkten hatten: Die erste Toilettenpapierfabrik wurde 1969 gebaut und konnte nur die Elite versorgen. In der Sowjetunion gab es bis zu ihrem Untergang keine Frauen-Hygieneartikel, die Frauen verwendeten saubere Lumpen aus gebrauchten Kleidern.

Vom 17. Jahrhundert bis in die Neuzeit konnte Russland seinen Bürgern niemals Würde oder Wohlstand vermitteln. In vielen Ländern klagen die Menschen über ihr Gesundheitssystem. Aber in Russland gibt es das Gesundheitswesen im Grunde nicht. In einigen Regionen ins Krankenhaus zu gehen kann gefährlicher sein,, als zu Hause zu bleiben. Russlands derzeitiges Gesundheitsbudget beträgt nur 5,3 % vom staatlichen BIP und unterschreitet das Gesundheitsbudget von Guatemala oder Madagaskar. 2018 veröffentlichte der belarussische Oppositionsblogger Maxim Mirowitsch Augenzeugenberichte über den Zustand der russischen Krankenhäuser. Die meisten Fotos wurden vor 2014 gemacht, als Öl- und Gaseinnahmen Russland Milliarden einbrachten und keine Sanktionen verhängt wurden.

Die russische Regierung bietet keine Gesundheitsversorgung an und keine Technologie. Stattdessen erzieht sie ihre Bürger mit dem Mythos über die abstrakte „Größe“ und den Krieg. Besonders bedrückend ist, dass das keinen breiten Protest hervorruft. Das bestätigen die Erfahrungen der regulären Russen. Ein junger Mann aus der Region Stawropol erzählt: „Meine Großmutter brachte ihren Kindern grundlegende Regeln bei: Der Chef hat immer Recht. Jeder fege vor seiner Tür. Finde einen Job, der dich in Ruhe auf deinem Hintern sitzen lässt – das ist das Wichtigste; und der Zar ist gut. So wurde meine Mutter erzogen.“

Ein Protest von Krankenschwestern in Kemerowo, weil die Regierung sie im Rahmen des nationalen Programms zur „Optimierung des Gesundheitswesens“ zu Hausmeistern zurückgestuft hatte. Der Protest fand keine breite Unterstützung und wurde sowohl von anderen Bürgern als auch von der Regierung ignoriert.
Foto: Andrej Kononow

Ewige soziale und wirtschaftliche Krise

Die obigen Beispiele schaffen einen „Geschmack“ vom wahren Russland. Es redet von großen Erfolgen, vernachlässigt aber immer wieder wichtige Hinweise. Russland brüstet sich der größten Anzahl von olympischen Medaillen, aber es ist auch Nummer 1 in der Liste der Medaillen, die wegen Doping annulliert wurden. Vor dem Krieg wuchs die russische Wirtschaft langsam, während sich das Einkommen der Bürger reduzierte: es ging 2020 um 10 % im Vergleich zu 2013 zurück. Russland hat die weltweit drittgrößte Eisenbahn, aber bei den Straßen nimmt es aufgrund der Qualität und der Anzahl den 154. Platz unter 182 Ländern ein – außerhalb großer Städte gibt es beinahe keinen Asphalt. Schmutz und Schotter auf der ganzen Strecke.

Die Stadt Wytegra liegt nahe zur Grenze zum kleinen, aber wohlhabenden Estland und Finnland. Doch sie sieht so aus, als ob sie irgendwo in Sibirien, Tausende Kilometer von jeder Zivilisation entfernt wäre. Holzhäuser, die verrotten, und alte Schiffe, die sich allmählich in Rost verwandeln. Ein Kommentar unter Markows Foto auf Instagram: „Es ist eine schreckliche Stadt und meine Reise dorthin war noch schrecklicher.
Als ich durch die Stadt fuhr, sah ich eine Frau, die ihre Kleidung im Fluss wusch, und sagte meinen Freunden, es scheint, dass das Jahr 2018 nicht in diesem Ort außerhalb der Zeit angekommen ist.“

Das alles ist nur dank der überwältigenden Korruption, dem Missbrauch der Menschenrechte und der Verletzung der Redefreiheit möglich geworden. Diese drei Bereiche sind es, bei denen Putins Russland wirklich mit gutem Beispiel vorangeht. Freie Medien? Russland ist das155. schlimmste Land unter 180 bei der Unterdrückung von Journalisten. Korruption? Russland nimmt den138. Platz, knapp vor Myanmar und hinter Mali. Das wohl auffälligste Merkmal ist derFreiheitsindex, der 0 bis 4 Punkte in mehreren Kategorien aufweist: Russland bekommt 0 Punkte für freie Wahlen, 0 Punkte für die Freiheit von NGOs und 0 Punkte für den Schutz vor Polizeibrutalität. Die russische Regierung nutzt ihre Kriege und Mythen über „historische Größe“, um die Bevölkerung von gesellschaftlichen Krisen abzulenken. Dieselben, die historisch gesehen seit Jahrhunderten und schon 30 Jahren seit dem Zerfall der UdSSR bestehen.

Das ist kein Kriegsfoto. Das ist die Stadt Kungur in Russland, 2017. Während der Sowjetzeit wurde das Frauenkloster aus dem 18. Jahrhundert in eine Kolonie für verstockte Kriminelle – ein Gefängnis voller Mörder direkt neben der Hauptstraße der Stadt – umgestaltet. 2015 wurde die Kolonie ausgesiedelt, aber das verarmte und ruinierte Gebiet ist geblieben. Es sieht schlimmer aus, als die Stadt, aber nicht viel.
Foto: Dmytro Markow

Nach staatlichen (wahrscheinlich – untertriebenen) Statistiken verdienen 63,5 % der Russen genug Geld nur für Lebensmittel, Kleidung und grundlegende Dinge des täglichen Bedarfs. Die Daten von der Zentralbank zeigen, dass 75 % der Bürger keine Ersparnisse haben. Das Problem der russischen Armut ist zum traurigen Witz geworden. Selbst die TV-Nachrichtensprecher können hysterisches Lachen beim Lesen des Teleprompters über die „Erhöhung“ der staatlichen Renten um 138 Rubel (derzeit 2 US-Dollar) kaum zurückhalten. Der Besuch von Ex-Präsident Medwedew bei den Rentnern der Krim endete bekannterweise mit einem Meme. Seine Phrase „Es gibt kein Geld, aber halten Sie durch!” wurde als ein Symbol für das Versagen des russischen Staates bei der Unterstützung seiner militärischen Eroberung weit verbreitet. Man kann sich keine bessere Darstellung eines „Wohlstands“ für die annektierte Krim wünschen.

Der Wirtschaft und dem Bildungswesen geht es nicht anders. Über die Hälfte der russischen Unternehmer behauptet, dass es in den 1990er Jahren, als sie Banditen fürchteten, einfacher war, Geschäfte zu machen, als heute, wo sie Angst vor Regierungskorruption haben. Russlands beste Universität rangiert auf  dem 202. Platz im weltweiten Bildungsranking.

In den Vororten Moskaus springen Männer über den Zaun auf die Stadtbahn, um die Fahrt nicht bezahlen zu müssen. Foto: Dmytro Markow

Wichtigste Export- und Sozialstrategie: der Krieg

Das russische Militär war in den letzten 30 Jahren Russlands größter nationaler Stolz. Diese „Errungenschaft“ diente als Vorwand für die Bürger und als außenpolitisches Erpressungsinstrument für die Regierung. „Wir sind vielleicht arm, aber wenigstens kann unsere Armee die NATO herausfordern.“ Ungeachtet dessen, dass der US-Militärhaushalt fast doppelt so groß ist, wie der gesamte russische Staatshaushalt. Im Reich der Fantasie spielen Fakten keine Rolle.

Wie es wirklich mit den russischen Streitkräften steht, hat der Krieg in der Ukraine gezeigt. Die Logistik der Angreifer war ebenso kompetent, wie ihre Luft- und Raumfahrtindustrie. Ein Land, das vom Ölexport lebt, war nicht imstande, seine eigenen Militärfahrzeuge mit Treibstoff zu versorgen; sie blieben mit leeren Tanks stehen und waren leichte Beute für ukrainische Verteidiger. Russische Panzer waren mit unsinnigen Käfigen aus Metallrohren gerüstet, die vor genau nichts, geschweige denn vor modernen Waffen, schützten.

Die futuristische, vom Kreml vollmundig propagierte Militärtechnik bereitete ihre eigenen Überraschungen: Russische Drohnen sind mit einer gewöhnlichen Canon-Fotokamera, die mit billigem Plastik verklebt ist, und einer handelsüblichen Flasche als Treibstofftank bestückt. Ein wahres technologisches Wunder, das der 2.-besten Armee weltweit wert ist. Der ukrainische Offizier demonstriert die Konstruktion einer abgeschossenen russischen Orlan-Drohne:

Im Rückblick ist es erstaunlich, dass man dem Kreml jemals geglaubt hat. Wie kann ein Land mit abstürzenden Raumschiffen und fehlenden Toiletten im Haus hochtechnologische Waffen produzieren? Das ist genau der Grund, warum viele Experten die Existenz der mythischen „Weltuntergangs-Hyperschallraketen“ im russischen Arsenal in Frage stellen. Die wenigen militärischen Innovationen, die tatsächlich existierten, konnten nicht serienmäßig hergestellt werden. Putin sprach mit übertriebenem Stolz über Russlands moderne SU-57 Mehrzweckjagdflugzeuge … doch nur zwei von ihnen wurden jemals an die Luftwaffe geliefert.

In Wirklichkeit führt Russland den Krieg hauptsächlich mit sowjetischen Waffen. Die UdSSR hat die Zukunft, die Gesundheit und die Würde ihrer 300-Millionen-Bevölkerung geopfert, um Waffen zu horten, die Jahrzehnte überdauern konnten, aber das moderne Russland ist nicht einmal in der Lage, selbst das zu machen. Der einzige Flugzeugträger des Landes, Admiral Kusnezow, wird mit Mazut (veraltetes, minderwertiges Öl) betrieben und ist kaum noch flott: Er erlitt elektrische Brände, schlimme Flugzeuglandungen, ein gesunkenes Trockendock und mehrere Pannen. Er wird nun von einem Reparaturschiff begleitet, wohin er auch geht. In allem Ernst (der Träger scheint allerdings allein zu sein).

Dmytro Markows Foto zeigen die jahrhundertealte Erbschaft des russischen Reiches, das seine Bevölkerung in die Armut stößt und sie immer wieder nutzt, um seine Kriege und die Korruption zu füttern. Die Bürger leben in einem ständigen Stockholm-Syndrom und unterstützen das Regime. Auf dem Foto oben ist eine Fliegerbombe zu sehen, die von Anwohnern in Burjatien entdeckt und als eine „Skulptur“ in ihrem Garten aufgestellt wurde. Die Armut und der Krieg – das ist die perfekte Metapher für den Kreislauf der lokalen Existenz.

Als Ergebnis von etwa 400 Jahren autokratischer Kultur leiden die Russische Föderation und ihr Volk an kognitiver Dissonanz und sind nicht in der Lage zu begreifen, dass das Projekt der „Reichsgröße“ nur zum Aufbau eines Imperiums aus Star Wars geführt hat (wie immer). Russland lebt noch in Träumen seiner sowjetischen Vergangenheit: Zum größten Feiertag macht es den Tag des Sieges der UdSSR über Deutschland in 1945 und feiert es mit einer Parade (und verschweigt dabei den Beitrag anderer Länder).

Nur in einem so abnormalen Land, das sich dem Bankrott nähert, kann die Bevölkerung noch Liebe für Josef Stalin, einen der bekanntesten Diktatoren und Massenmörder der Geschichte, empfinden. 2019 war er beliebter als Putin. Nur in solch einem Land können die Priester Atomraketen und Panzer segnen.

Der Kaiser ist nackt. Alles, was er trägt, ist nur einen AK-47 und ein blutiges Grinsen. Aber die meisten Russen tun so, als ob alles in Ordnung wäre. Die Fantasie über die „Größe“ und Eroberung ist bequemer. Warum führt Russland seit 1991 Kriege ohne Pause? Warum duldet die Mehrheit der Bevölkerung den staatlich geförderten Terrorismus zumindest passiv und befürwortet ihn bestenfalls aktiv? Weil es wenig anderes gibt, was Russland sich selbst oder der Welt bieten kann … jedenfalls in seiner derzeitigen Form als militärisches Reich.

Autoren: Jaroslaw Subtschenko, Journalist bei der NRO Detector Media, und Iwan Schowkopljas, Kommunikationsberater, ukrainischer Medienvolontär