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19/04/2022
Campaign of Terror

„Töte sie alle“. Wie Russland Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, zerstört

Destroyed Kharkiv City Administration. Photo: Pavlo Dorogoy.

Charkiw… eines der Juwelen der Ostukraine, die zweitgrößte Stadt des Landes. Vor 378 Jahren gegründet. Ein Zentrum für Kultur, Bildung und Industrie. Eine Stadt der jungen Leute, Cocktailbars, historischen Denkmäler, Theater, Musikhallen und Universitäten.

Im Jahr 2022 war Charkiv Zentrum des Filmfestivals, der Physikforschung und die Hauptstadt der ukrainischen Fantasy- und Science-Fiction-Literatur. Vom 24. bis 28. Februar wurde es von der russischen Armee zu einem Ort des Feuers, des Todes und der Zerstörung niedergemacht.

Laut russischer Propaganda musste Charkiw „befreit“ werden, da es von 1,5 Millionen überwiegend russischsprachigen Ukrainern bevölkert war. Diese Befreiung kam in Form von Dutzenden von Raketen, Bomben und Mörsergranaten die bisher Hunderte von Menschenleben gefordert haben.

So sah Charkiw vor dem Krieg aus, mit seinen Universitäten, Parks und Plätzen:

Charkiw nach Russlands brutaler militärischer Aggression:

Chronologie

24.-27. Februar. Russische Truppen und Artillerie greifen die Region Charkiw an

Charkiw und die umliegenden Städte werden vom Klang der Luftschutzsirenen geweckt. In der Stadt Pisochne sind 4 Explosionen zu hören. Die Einwohner aus Balakliya berichten von einer Kolonne russischen mit dem „Z“-Symbol gezeichneten gepanzerten Fahrzeuge, die sich auf die Stadt zubewegen. Einen Tag später werden russische Spezialeinheiten in den Straßen von Charkiw gesehen.

Der Versuch einer terrestrischen Invasion der Stadt kann von den ukrainischen Verteidigern leicht abgewehrt werden … aber sobald die russischen Streitkräfte erkennen, dass Charkiw nicht kapitulieren wird beginnen die Bombenangriffe.

Dies ist kein Krieg auf militärischen Linien auf dem Schlachtfeld.
Es ist ein Krieg in dem russische Bomben Kindergartenklassenzimmer zerschmettern. Foto: Sergej Bobok.

28. Februar. Der Beschuss beginnt, Charkiw steht in Flammen

In den ersten Stunden des von Russland begonnenen Krieges gegen die Ukraine wurde Charkiw zum Ziel eines massiven und erbarmungslosen Artilleriebeschusses. BM-21 Grad-Systeme, die 40 Raketen mit einer Geschwindigkeit von 2 pro Sekunde abfeuern können, bedecken Charkiw mit Flammen und Trümmern.

Hunderte Menschen wurden in den ersten Stunden des russischen Angriffs verletzt und Dutzende starben. 7 Tote und 40 Verwundete wurden in den ersten Stunden bestätigt. Vom ersten Tag an waren Wohnhäuser, Schulen und Kindergärten (kurz: zivile Gebäude) die primären Angriffsziele.

30. Februar – 1. März. Massive Angriffe auf Infrastrukturen, Häuser und Bürger

Die Raketenartillerie richtet weiterhin Zerstörungen in Charkiw an. Im Verwaltungsgebäude der Stadt ereignet sich eine gewaltige Explosion.

Russische Jets bombardieren gezielt Kraftwerke und Wasserpumpen und lassen so ganze Stadtteile ohne Licht und Wasser zurück. Die Artillerie zerschmettert Wohnhäuser, ein Studentenheim der Kharkiv Aviation University, das Operntheater und die Philharmonie.

Innerhalb eines Tages werden 21 weitere Menschen getötet und 112 verletzt

Die Verteidiger und Rettungsdienste von Charkiw bleiben, trotz weit verbreiteter Zerstörung, in der Stadt, um sie zu schützen.

2. März. Beschuss der Universität Charkiw, der Polizeibehörde und des Fernsehturms

Die Russische Artillerie, die das Gebäude des ukrainischen Sicherheitsdienstes in der Stadt im Visier hat, verfehlt ihr Ziel und verwüstet die Soziologieabteilung der Nationalen Universität Charkiw. Das Gebäude fängt Feuer. Ein Luftangriff trifft den Fernsehturm der Stadt, die Kommunikation verstummt.

3. März. Aktiver Beschuss von Städten in der Region Charkiw

Die russische Armee beginnt mit dem Einsatz von Artillerie und Flugzeugen gegen Städte in der Region Charkiw. Ein Marschflugkörper trifft ein Wohnhaus in Izium und tötet 8 Menschen mit einem Schlag. Die Russen versuchen mit einem Terrorfeldzug den lokalen Widerstand zu unterdrücken und mit Panzern und Truppen vor Ort vorzurücken.

5. März. Beschuss des Wohnviertels Saltivka

Saltivka, ein reines Wohnviertel im Norden von Charkiw, wird von der russischen Luftwaffe bombardiert. 10 Wohnhäuser werden schwer beschädigt und viele fangen Feuer. 35 Feuerwehrleute werden entsandt um die Anwohner zu retten, aber viele Gebäude stehen immer noch unter russischem Beschuss und können nicht erreicht werden. Menschen sind unter Ziegeln und Beton begraben.

«Die ganze Nacht über hat ein junges Mädchen ihre Mutter wach gehalten. Sie setzte sich weinend auf und schrie: „Mama, ich habe Angst, bitte rette mich, rette mich jetzt.“ Sie beruhigte sich erst am Morgen, nachdem ihre Mutter sie die ganze Nacht gehalten hatte.” – eine Frau aus Saltivka, die ihre Nacht in einem Luftschutzbunker beschreibt. (BBC)

6.-8. März. Bombardierung von Mehrfamilienhäusern

Russische Jets warfen weitere Bomben auf die Wohngebiete von Charkiw ab, auf einen weiteren Fernmeldeturm und auf den Platz der Himmlischen Hundert. Mindestens 12 weitere Menschen kommen ums Leben, 200 wurden von Rettungskräften aus den Trümmern gezogen.

Zu diesem Zeitpunkt werden Dutzende von Toten gezählt, Hunderte wurden verletzt und der materielle Schaden in der Stadt ist groß. Charkiw lebt in Angst vor täglichen Bombenangriffen und Artilleriebeschuss.

9. März. Der Versuch einer Blockade, die Kämpfe um Izium

Die russischen Aggressoren dringen nun auf terrestrischem Weg in Richtung Charkiw vor. Sie wollen die Stadt zu blockieren und schließlich besetzen. Panzer und Soldaten marschieren durch die Region Charkiw. Die Stadt Izium wird zum Schauplatz von Kämpfen zwischen den ukrainischen Verteidigern und den russischen Invasionstruppen.

Die ukrainischen Truppen verteidigen Charkiw erfolgreich. 40.000 Menschen werden aus der Ostukraine evakuiert.

Vladyslav verbrachte eine Nacht in einem Keller der von den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes bedeckt war.
Feuerwehrleute gruben stundenlang um ihn zu befreien. Dutzende anderer Menschen wurden zu spät gefunden um noch gerettet zu werden.
Foto: Staatlicher Notdienst der Ukraine

10. März. Massive Zerstörung von Wohngebieten

Bis zu diesem Zeitpunkt wurden 400 Häuser und Wohnhäuser in Charkiw von der russischen Artillerie und der Luftwaffe zerstört. Ein großer Prozentsatz der Einwohner der Stadt ist gezwungen in der U-Bahn der Stadt zu leben.

“Das Schrecklichste war das Pfeifen von den Jets. Ich werde mich mein ganzes Leben lang an sie erinnern”, sagte Herr Kuzubov, ein Einwohner von Charkiw. „Sie zerstören unser historisches und unser architektonisches Erbe. Sie wollen alles zerstören, sie wollen die Menschen demoralisieren.“ (New York Times)

Ein Junge und seine Hunde in der U-Bahn von Charkiw. Tausende von Menschen leben jetzt dauerhaft hier. Viele haben kein Zuhause in das sie zurückkehren können. Foto: @anadoluimages

12. März. „Töte sie alle“. Das kalkulierte Töten von Zivilisten

Der Sicherheitsdienst der Ukraine hat eine russische Funkkommunikation, welche die Taktik der Besatzungsarmee beschreibt, abgefangen. “Fucking kill them all”, sagt ein russischer Soldat zum anderen und beschreibt den Befehl an die Armee Zivilisten zu beschießen und zu erschießen. Ziel ist es den Widerstand von Kharkiv zu brechen, es durch den Terror brutaler Bombenangriffe zur Kapitulation zu zwingen und zu besetzen.

17. März. Beschuss des größten Marktes von Charkiw, massive Brände

Ein russischer Raketenangriff setzt Barabashovo, den größten Freiluftmarkt in Charkiw, in Brand. Die massiven Flammen verschlingen Tausende von Quadratmetern und breiten sich auf nahe gelegene Wohnhäuser aus. Einheimische fliehen vor dem Feuer, aber viele erleiden schwere Verbrennungen. Die Rettungsbemühungen der Einsatzkräfte dauern Stunden.

“Sie maximieren den Terror. Sie beschießen oder bombardieren jetzt zufällige Objekte [Gebiete und Gebäude] », sagt Frau Zubar, eine Einheimische aus Charkiw. “Aber wir würden lieber im Kampf für die Stadt sterben, als zu gehen.“ (New York Times)

Ein Mann erlitt schwere Verbrennungen, als er vor den monströsen Bränden auf dem Barabashovo-Markt floh. Foto: Marcus Yam.

19. März. Russland verliert den ersten terrestrischen Kampf um Charkiw

Der Leiter der Regionalverwaltung von Charkiw erklärt, dass die russische Armee den Kampf um Charkiw auf dem Boden verloren hat. Die ukrainische Armee hat den Vormarsch russischer Truppen und Panzer gestoppt. Unfähig die Stadt zu besetzen verdoppeln die russischen Aggressoren den Beschuss ziviler Häuser.

Ein ukrainischer Soldat geht an einem abgestürzten russischen Su-34-Jet vorbei.
Das Flugzeug warf eine Bombe auf Charkiw ab und wurde von der ukrainischen Luftverteidigung abgeschossen. Foto: DepositPhotos.

21. März. Überlebender von Nazi-Lagern stirbt unter russischem Bombardement

Borys Romanchenko hat im Zweiten Weltkrieg mehrere Vernichtungslager der Nazis überlebt: Buchenwald, Peenemünde, Dora und Bergen-Belsen. Später in seinem Leben wurde er Vizepräsident des Internationalen Buchenwald-Dora-Komitees.

Er wurde am 21. März von einer russischen Granate, die sein Wohnhaus in Charkiw traf, getötet.

«Eine [russische] Granate traf das mehrstöckige Gebäude in dem er lebte. Seine Wohnung brannte ab. Wir trauern um einen engen Freund. Wir wünschen seinem Sohn und seiner Enkelin, die uns die traurige Nachricht überbracht haben, viel Kraft in diesen schweren Zeiten.» – Komitee der KZ-Gedenkstätte Buchenwald.

Foto: KZ-Gedenkstätte Buchenwald

24. März. Eine humanitäre Hilfsstation wird beschossen

Russische Streitkräfte feuern auf eine humanitäre Hilfsstation die Lebensmittel an Einwohner von Charkiw verteilt. 6 Menschen sterben auf der Stelle. 15 weitere werden verwundet. Russlands Vormarsch auf Charkiw ist erneut erfolglos, aber die Angreifer setzen ihren unmenschlichen und mörderischen Beschuss der Wohngebiete der Stadt fort.

Diese junge Frau ging ausser Haus um Essen für ihre Familie in einem der Wohnviertel von Charkiw zu holen.
Das Gebiet wurde von russischer Artillerie beschossen. Sie hatte das „Glück“ nur von Granatsplittern getroffen zu werden.
Foto: Jan Garup

29. März. Einsatz verbotener Waffen, Beschuss von Städten in der Region Charkiw

Die Artillerieangriffe erreichen ein unmenschliches Maß an Brutalität. An einem Tag erleidet Charkiw 59 Treffer durch Mörsergranaten, 180 Raketensalven aus Mehrfachstartsystemen und Beschuss durch verbotene Streumunition.

Viele kleinere Städte und Dörfer befinden sich entweder unter russischer Besatzung oder unter schwerem Artilleriebeschuss.

30. März. 35 Tage Mord und Zerstörung

1.292 Wohnheime, 70 Schulen, 54 Kindergärten, 16 Krankenhäuser und 239 Verwaltungsgebäude liegen infolge der russischen Bombardierung in Trümmern. Der Beschuss geht weiter. Charkiw wird aus Richtung der umliegenden Städte und der russischen Grenze blockiert. Die russische Besatzungsarmee terrorisiert die Städte und Dörfer in der Region.

Trotz der heldenhaften Bemühungen der ukrainischen Feuerwehrleute wurden viele Menschen getötet oder in den Trümmern ihrer Häuser begraben. Es war unmöglich sie rechtzeitig zu erreichen. Foto: Felipe Dana.

2. April. Die Bombardierung von Krankenhäusern

Währenddem die gnadenlose Bombardierung von Krankenhäusern weitergeht, müssen die Entbindungsstationen in den Untergrund verlegt werden. Viele schwangere Frauen wurden evakuiert, aber 200 leben noch in der Stadt. Sie schlafen in den Gängen der unterirdischen Bunker, atmen staubige Luft ein und lesen im Schein ihrer Handys. Neugeborene werden von medizinischem Personal unter katastrophalen provisorischen Bedingungen versorgt.

3.-9. April. Beschuss weiterer Wohnviertel

Die Artillerie zerstört weiterhin die Straßen von Charkiw. Die russische Strategie bleibt konsequent: Zivilgebäude angreifen und bombardieren um den Geist der Stadt zu brechen und die Ukrainer zu demoralisieren. 23 Menschen werden verletzt, darunter Kinder im Bezirk Slobidskyy in Charkiw.

Die Zahl der Toten ist schwer zu bestimmen, da viele unter Trümmern begraben sind.

Unbroken, many Kharkivites refuse to leave the city. Classical musicians play in the ruins of a formerly picturesque courtyard as a show of support for their countrymen. Photo: Serhii Zhadan, Facebook

10. April. Weitere Streubomben fallen

Russische Streitkräfte beginnen mit dem Abwurf von Bomben die an Fallschirmen angebracht sind. Viele dieser Bomben enthalten Streumunition. Die Bombe oder Rakete explodiert und schleudert Hunderte von kleineren explosiven Fragmenten mit hoher Geschwindigkeit in alle Richtungen. Solche Waffen sind, aufgrund der massiven Todesfälle und der Verletzungen die speziell lebenden Menschen zugefügt werden, durch internationale Konventionen verboten.

Foto: Suspilne News Charkiw

11. April. Mehr Tote in Charkiw, der Terror geht weiter

Ein weiterer Tag des russischen Terrors in Charkiw. 5 weitere Menschen sterben, darunter ein Kind. Feuerwehrleute bergen weiterhin Leichen unter den Trümmern zerstörter Wohnhäuser. Die Einheimischen erkennen die Situation am Todes- und Verwesungsgeruch und rufen den Notdienst. Viele Einwohner von Charkiw ziehen, wenn sie sie sicher erreichen können, in die U-Bahn die als Luftschutzbunker dient. Frauen, Kinder und ältere Menschen suchen sichere Orte im Untergrund.

Foto: Alkis Konstantinidis

15. April. Explosionen in Parks und öffentlichen Plätzen

Die russische Artillerie greift erneut Charkiw an. Raketen schlagen in einem Wohnviertel ein. Es gibt Explosionen in Wohnhäusern und in einem öffentlichen Park, wobei 10 Menschen getötet und 40 verletzt werden. Unter den Toten … ein 7 Monate altes Baby.

17. April. Beschuss von zivilen Wohnvierteln im Zentrum von Charkiw.

Am Sonntag, während viele Menschen auf der Welt Ostern feiern, hat die russische Armee erneut besiedelte Gebiete in Charkiw beschossen. Diesmal trafen Artillerieangriffe das Zentrum der Stadt, töteten mindestens 5 und verletzten 13 Menschen.

18. April. Beschuss eines Kinderspielplatzes

Am Montag, dem 18. April, traf die russische Artillerie einen Kinderspielplatz in einem Wohnviertel in Charkiw. Mehrere Gebäude wurden beschädigt und zwei Menschen starben. Der sinnlose und unmenschliche Beschuss der Statdt durch die Russen geht weiter. Die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden dokumentieren diese Kriegsverbrechen.

Foto: Staatsanwaltschaft der Region Charkiw

21. April. Fünfzig Bombeneinschläge an einem Tag

Am Donnerstag beschoss die russische Armee Charkiw mindestens 50 Mal. Die Russen setzten fast alles ein, was sie hatten: Artillerie, Raketen, Grad- und Smerch-Systeme und mehr. Zwei Menschen wurden verletzt und zwei weitere starben als eine Artilleriegranate auf ihrem Auto landete. 22 kleine Städte und Dörfer in der nahe gelegenen Region sind immer noch unter russischer Besatzung … die schlimmste Befürchtung ist, dass sie denselben Gräueltaten ausgesetzt sind wie Bucha und Irpin.

Oksana wartet auf einen Krankenwagen nachdem sie bei einem russischen Angriff auf einen öffentlichen Park in Charkiw verletzt wurde. Foto: Mstyslav Chernov.

Charkiw leidet weiterhin unter diesem unmenschlichen Krieg. Russische Soldaten, Jets und Bomben lassen die Stadt bluten und brennen. Trotzdem leben und kämpfen die Menschen in Charkiw. Sie wollen, dass ihr Land frei und ihr Himmel friedlich ist.

Von Ivan Shovkoplias, Kommunikationsberater, ukrainischer Medienfreiwilliger

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