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In Kriegszeiten Longreads

“Werden wir alle sterben? Ja, höchstwahrscheinlich”. Die Geschichte von Menschen, die während der Evakuierung durch das russische Militär getötet wurden

Die 41-jährige Iryna Yemelianova hoffte, im Frühjahr 2022 zum ersten Mal im Ausland Urlaub machen zu können, und der 15-jährige Maksym Shelupets träumte von einer Welt ohne Kriege. Doch das russische Militär tötete diese Ukrainer, als sie versuchten, das vom Krieg zerstörte Tschernihiw zu verlassen.

In den ersten Tagen der umfassenden Invasion wurde eine Stadt im Norden der Ukraine angegriffen. Tschernihiw wurde belagert, und die Russen beschossen massenhaft Wohngebiete. Die Menschen blieben ohne Wasser-, Strom- und Gasversorgung. Die Evakuierung war eine Chance zum Überleben. 

Die Russen nahmen jedoch Zivilisten, die versuchten, das Gebiet zu verlassen, ins Visier. Am 9. März schossen russische Soldaten aus einem Panzer auf das Auto, in dem die Familien evakuiert wurden.

Der Text wurde von der Dokumentationsplattform “Memorial” erstellt. Er berichtet die Geschichten von den von Russland getöteten Zivilisten und verstorbenen ukrainischen Soldaten. 

Iryna Yemelianova mit ihrem Ehemann Volodymyr bei der Abschlussfeier ihrer Tochter Diana.
Foto aus Irynas Familienarchiv.

Iryna Yemelianova lebte lange Zeit in Tschernihiw. In den letzten 12 Jahren hatte sie ein Fleischgeschäft auf dem örtlichen Markt. Iryna wird als ein freundlicher Mensch in Erinnerung bleiben: Sie gab den Rentnern und Bedürftigen immer Rabatte. 

Die 21-jährige Diana ist ihre einzige Tochter. Iryna ließ sich von ihrem Vater scheiden, als das Mädchen noch sehr klein war. Diana wurde von ihrem Stiefvater Volodymyr, einem Bauarbeiter, ergezogen. Volodymyr und Iryna hatten ein Haus in der Stadt, das in der warmen Jahreszeit immer von Blumen umgeben war, und empfingen dort häufig Gäste. Iryna hatte erstaunliche Kochkünste. Ihre Bekannten sagten, dass das Essen bei Ira (kurz für Iryna) ein Fest für die Augen und den Magen sei.

Nach der Schule studierte Diana an der Nationalen Luftfahrt-Universität in Kyjiw, um einen Abschluss in Psychologie zu machen. Während ihres Studiums in der Hauptstadt rief sie ihre Mutter jeden Tag an, manchmal 5-6 Mal am Tag. Sie standen sich sehr nahe und sprachen über alles. “Und an den Wochenenden war ich einfach nach Hause geeilt”, erinnert sich Diana.

Iryna Yemelianova.
Foto aus dem Familienarchiv.

“Meine Mutter ist der beste Mensch auf der Welt. Sie hat immer allen geholfen. Sie spendete immer Zeit und Geld für gute Taten. Wir waren sehr eng befreundet, immer auf der gleichen Welle. Meine Mutter träumte davon, mit ihrem Mann, mir und meinem Freund Sashko (kurz für Oleksandr) ins Ausland zu fahren. Wir waren noch nie im Ausland, keiner von uns”, sagt Diana.

Iryna Yemelianova plante ihren ersten Auslandsurlaub für das Frühjahr 2022. Sie wollte nach Ägypten oder in die Türkei ans Meer fahren. Zu dieser Zeit arbeitete ihr Mann Volodymyr in Litauen und war gerade auf dem Weg in den Urlaub.

Wozu braucht man Kriege in der Welt?

Anfang 2022 war Dianas Universitätsstudium wegen der COVID-19-Pandemie unterbrochen. Sie lebte in Tschernihiw mit ihrem 24-jährigen Freund Oleksandr. Seine Eltern und der jüngere Bruder, der 15-jährige Maksym, wohnten auch in der Stadt.

Maksym Shelupets mit seiner Mutter, seinem älteren Bruder Oleksandr und dessen Freundin Diana.
Foto aus dem Familienarchiv.

Die Mutter der Jungs, Maryna, und ihr Vater waren geschieden. Sie heiratete einen Spanier und zog mit beiden Söhnen nach Spanien. Maksym besuchte dort die Grundschule und lernte Spanisch. Nach fünf Jahren in Spanien zwangen die Umstände die Familie jedoch zur Rückkehr in die Ukraine. Es war schwierig für den Jungen, sich an die örtliche Schule zu gewöhnen, erinnert sich seine Mutter.

“Maksym war sanftmütig und ruhig. Er mochte keine Konflikte”, erzählt Maryna. Der Charakter des Jungen war eher introvertiert. Er spielte Videospiele und las viel. Er liebte Anime, Brettspiele, Bowling, Schwimmen und nahm privaten Matheunterricht.

Die Frau sagt, Max habe sie sehr geliebt, und sie ihn auch. Jeden Abend kam Maryna von der Arbeit nach Hause und sagte: “Massia (Kleiner), ich bin zu Hause”. Ihr Sohn begrüßte sie mit ihrem Kater Mort, den sie Max zum Geburtstag geschenkt hatte. Maryna kann sich nicht daran erinnern, dass sie sich gestritten ingendwann haben.

“Max war ein erstaunliches Kind. Er verlangte nichts für sich selbst. Er hatte zwei abgenutzte, alte Handys. Eines benutzte er zum Telefonieren, das andere zum Lesen. Als ich ihm letztes Jahr ein neues schenkte, fragte er: “Warum?” Maryna erinnert sich.

Die Frau erzählt, dass sie Maksym sechs Monate vor dem großen Einmarsch der Russen bei Spaziergängen auf Kleinigkeiten aufmerksam gemacht hat: “Schau dir den Himmel an! Wie schön er ist! Hörst du, wie die Vögel singen? Lerne, all die guten Dinge zu lieben und zu schätzen, auch wenn sie klein sind, denn das Leben ist so kurz”. Und Max, so sagt seine Mutter, erzählte ihr, dass er einen großen Traum habe: dass es keinen Krieg mehr auf der Welt gibt. “Wozu braucht man Kriege?” fragte er rhetorisch.

Maksym Shelupets. Eine der letzten Aufnahmen, die zu seiner Lebenszeit aufgenommen wurden.
Foto aus dem Familienarchiv

Mutter und Sohn planten für das Frühjahr einen Urlaub in Kuba. Doch zuvor hat ein Freund von Maryna vorgeschlagen, vom 20. bis 27. Februar für eine Woche nach Ägypten zu fahren. Maryna glaubte damals nicht, dass ein Krieg in vollem Umfang möglich ist, und Maksym, der in Tschernihiw blieb, auch nicht.

“Flieh, bitte flieh”

Am 24. Februar, als die russische Invasion in der Ukraine begann, rief Iryna ihre Tochter um 6 Uhr morgens an.

– Mein Mädchen, es ist Krieg. Die Kollegen haben mich angerufen und mir gesagt, ich solle nicht zur Arbeit gehen.
– Alles wird gut sein. Ich schlafe noch eine Stunde und rufe dich dann zurück.
Im Halbschlaf hat Diana an die Tür von Sashko geklopft.
– Mutter sagt, dass der Krieg begonnen hat.
Er winkte ab und sagte: Welcher Krieg?

Weder Iryna noch ihre Verwandten glaubten bis zum letzten Moment an eine umfassende russische Invasion mit Beschuss und Luftangriffen. Doch am 24. Februar regnete die Nachricht von Explosionen auf sie ein. Iryna und ihre Nachbarn versorgten sich mit Wasser und Lebensmitteln. Diana und Oleksandr gingen los, um seinen Bruder Maksym abzuholen, der allein zu Hause war. Nach ein paar Tagen zogen sie zu Iryna.

Iryna sagte sie: „Lauft weg! Bitte lauft dorthin, wo es sicherer ist!“ Aber sie blieben in Tschernihiw, und nach ein paar Tagen zogen sie bei ihr ein.

“Wir haben etwa eine Woche lang unter extrem schwierigen Bedingungen durchgehalten”, erzählt Diana. “Wir schätzten die Situation anhand der Stärke und der Nähe der ‘Booms’ ein. Die Sirenen ertönten zu spät, so dass wir in den Keller gingen, als die Fenster bereits zitterten. Aber auch dort war es beängstigend: Flugzeuge brummten über uns, und russische Bomben explodierten 50 Meter von uns entfernt”.

Iryna weinte über die schrecklichen Nachrichten: Ein Hochhaus in der Nähe wurde zerstört und die Menschen starben. “Ich konnte es nicht sehen. Ich sagte: weine nicht, sonst würdest du an deinen Weinen sterben”, erinnert sich Diana.

Die Familie hat beschlossen, sich  zu evakuieren: Immer mehr Bekannte verließen Tschernihiw, und der Beschuss kam immer näher. Eines Tages, in der ersten Märzwoche, sagten alle ohne vorherige Absprache: “Es ist Zeit zu fliehen”. Die Familie hat beschlossen, sich am 9. März zu evakuieren. Zuvor mussten sie noch Treibstoff finden, um von Tschernihiw nach Luzk, dem regionalen Zentrum im Westen der Ukraine, zu fahren. Die Reise war ziemlich lang, mehr als 500 Kilometer.

In Luzk konnte Oleksandrs Familienfreundin sie in ihrem leeren Haus unterbringen. Als nächstes wollte Iryna zu ihrem Mann nach Litauen fahren. Diana und Sashko dachten darüber nach, in Luzk zu bleiben.

Auch Sashkos Bruder hat beschlossen, sich zu evakuieren. Max sprach am 8. März zum letzten Mal mit seiner Mutter Maryna per Telefon. Sie besprachen Pläne, zu ihren Freunden nach Spanien zu fahren.

Die Mutter teilte ihrem Sohn ihre Sorgen mit, und Max sagte, dass er keine Angst vor dem Tod habe. Er hatte Angst, dass es seine Mutter sehr verletzen würde, wenn er stirbt.

Maryna konnte nicht früher aus Ägypten in die Ukraine zurückkehren: Alle Flüge wurden gestrichen. Erst am 9. März konnte sie nach Polen fahren. Sie sollte im Haus ihrer Freundin in Luzk auf ihre Söhne, Iryna und Diana Yemelianova, warten.

Evakuierung am 9. März 2022.

Am 8. März waren Iryna, Diana, Oleksandr und Maksym am Packen. Iryna war sehr nervös. Sie wiederholte immer wieder: “Warum muss ich mein Zuhause verlassen? Warum soll ich weglaufen?” Sie packte ein altes Mobiltelefon mit einem Fotoarchiv und ein paar Sachen in ihren Koffer. Obwohl ihr Verstand sie drängte, wegzugehen, konnte sich ihr Herz nicht von ihrem Zuhause verabschieden. Diana sagte zu ihrer Mutter: “Wir werden zurückkehren, du wirst sehen. Wir gehen für ein oder zwei Monate. Hätte ich sonst Din zurückgelassen?”. Din ist ein deutscher Schäferhund, der Iryna gehörte. Er wurde bei einem Nachbarn und einem Verwandten abgegeben, die sich bereit erklärten, sich um den Hund zu kümmern, bis seine Besitzer zurückkehren.

Am 9. März wachte die Familie um 5 Uhr morgens auf und stieg ins Auto.

– Oleksandr Shelupets, 24 Jahre alt, Fahrer. – Maksym Shelupets, 15 Jahre alt, auf dem Rücksitz hinter seinem Bruder.
– Diana Yemelianova, 21 Jahre alt, neben dem Fahrer.
– Iryna Yemelianova, 41 Jahre alt, auf dem Rücksitz hinter ihrer Tochter. – Misha, ein 10-jähriger Mops, in den Armen seiner Besitzerin Iryna.
– Der 4-jährige Kater Mort, der zur Familie Shelupets gehört, saß in einer Tragetasche auf Dianas Schoß.

Maksym mit dem Kater Mort, der wahrscheinlich ebenfalls bei der Evakuierung ums Leben kam.
Foto aus dem Familienarchiv.

Um 6:00 Uhr morgens stand Oleksandrs Volkswagen Golf bereits am Ende einer langen Warteschlange von Autos, die die Stadt verließen. Bis zum Mittag hatte das ukrainische Militär niemanden aus Tschernihiw herausgelassen, weil es von 50 Kilometer entfernt beschossen wurde. Iryna und alle anderen im Auto machten sich keine Sorgen: Sie fuhren auf einer erprobten Straße, die mehrere Dörfer umging, die damals von den russischen Streitkräften besetzt waren. Am 8. März passierten zwei befreundete Familien diesen Weg sicher.

Um 12:30 Uhr passierte Sashkos Auto den ersten ukrainischen Kontrollpunkt, dann den zweiten und den dritten. Alle an den Kontrollpunkten wünschten den Passagieren eine gute Fahrt. Anschließend fuhren Iryna, Diana, Max und Sashko auf der Straße am Dorf Kolytschiwka vorbei, das 14 Kilometer von Tschernihiw entfernt liegt. Aufgrund der Besonderheiten der Landschaft war die vor ihr liegende Kurve aus der Ferne nicht zu erkennen. Sie bemerkten sie erst aus einigen Dutzend Metern Entfernung, ebenso wie drei russische Panzer unter den Bäumen.

“Sashko schreit: “Eindringlinge! Bückt euch!” Aber ich habe die russischen Flaggen schon selbst gesehen. Und dann richteten die Panzer ihre Mündungen auf uns, – erzählt Diana. – Wir hatten kaum eine Chance, bei der Geschwindigkeit umzukehren, also drückte Sashko auf das Gaspedal. Das war die einzige Chance, durchzuschlüpfen”.

Russische Panzer begannen, auf das zivile Auto zu schießen. Sie feuerten ununterbrochen, bis das Auto nach etwa 200 Metern zum Stehen kam. Diana zog im Auto ihre Schuhe aus, weil sie Hitze spürte – und sah, dass ihr linker Fuß keinen Zeh mehr hatte. Der einzige Zeh hing an der Haut, und die anderen Zehen waren blutverschmiert.

Oleksandr schrie: “Alle raus aus dem Auto!” Dann wurde alles blitzschnell gemacht: Diana kletterte auf den Fahrersitz, und die Russen feuerten von rechts weiter auf das Auto. Iryna sprang aus der Hintertür und rannte gebückt um das Auto herum. Sie wurde in der Seite verwundet. Sashko versuchte, seinen jüngeren Bruder herauszuziehen, aber er war bereits tot… “Sie haben meinen Maksymko getötet!”, schrie er. Verwirrt rief Diana die Rettungskräfte: “Wir haben hier eine verwundete und eine tote Person”. Aber das Signal war verloren.

Die Leute versteckten sich unter dem Auto. Oleksandr bemerkte jedoch, dass sie unter Beschuss standen und das Auto voll mit Treibstoff war. Dort zu bleiben schien keine gute Idee zu sein, da die Russen bereits aus dem Panzer geklettert waren und sich ihnen näherten. Sashko, Diana und Iryna krabbelten in die Büsche am Straßenrand. 50 Meter vom Auto entfernt hielten sie an, um die Wunden zu untersuchen. Oleksandr riss sich das T-Shirt vom Körper, um Dianas Bein zu verbinden. “Und was ist mit Ihnen los, Tante Ira?” fragte er. Die Frau öffnete ihre Jacke. 

“Die Hälfte des Magens war weg. Därme, Haut, Blut. Ich konnte alles sehen”, erinnert sich Diana. Es blieb keine Zeit, die Wunden zu verbinden. Die Russen schossen, und die Menschen krochen durch Sümpfe und Bäche, gefolgt von einem Mops. Er blieb verschont. Der Kater blieb im Auto zurück, und sein Schicksal ist noch unbekannt.

Die Sträucher waren zu dicht. Der Mann musste sie brechen und mit seinen Zähnen abnagen. Die Sträucher waren fast unendlich. Die drei krochen lautlos in der folgenden Reihenfolge: Oleksandr, Diana und Iryna. Die Geräusche des Beschusses wurden lauter und sie froren.

– Werden wir alle hier sterben? flüsterte Diana. – Ja, höchstwahrscheinlich, – antwortete Sashko.

Diana sagte ihrem Freund und ihrer Mutter, einer nach dem anderen, dass sie sie liebte. Sie antworteten auf die gleiche Weise. Die Geräusche der Schießerei wurden leiser, und sie krochen weiter. Iryna hat es langsamer und langsamer gemacht.

Ihre Tochter versuchte, sie zu überzeugen: “Mutti, bitte, halte durch, nur noch ein kleines bisschen… Mutti, Mutti!…” Iryna antwortete nicht. Sie verstummte.

Diana hat sich nicht von ihrer Mutter verabschiedet. Feinde ließen sie es nicht tun, sie waren dabei, sie mit einem Panzer, der Zweige knackte, nachzuholen.

“Wenn Sashko nicht an meiner Hand gezogen hätte, wäre ich dort geblieben. Ich hätte still gelegen. Der Mops blieb bei meiner Mutter, auch wenn ich es versuchte, ihn hinter mir her zu rufen. Er gehörte zu meiner Mutter. Er schlief in ihrem Bett, und er folgte ihr überall hin, sogar ins Bad. In seinem Hundeverstand war sie auch seine Mutter”, erzählt Diana.

Zusammen mit Oleksandr durchquerten sie 12 Sümpfe: Im ersten stand ihnen das Wasser bis zu den Knöcheln, im letzten bis zu den Schultern. Sie überquerten das Feld, das in Flammen stand und ihre Beine verbrannte – aber sie spürten nichts. Sie sahen das Tschernihiw-Kraftwerk schon von weitem und bewegten sich in diese Richtung zu. Sie hörten Schüsse über ihnen und sahen einen weiteren russischen Panzer, rannten aber daran vorbei. “Komme, was da wolle”, sagten sie. Als Diana völlig erschöpft war, musste Sashko sie tragen.

Um 17.00 Uhr kehrten sie zur Brücke zurück, über die sie Tschernihiw am Mittag verlassen hatten. Das ukrainische Militär brachte sie in ein Krankenhaus. Diana wurde operiert – 4 Zehen wurden abgetrennt, nur der große Zeh blieb übrig. Das Mädchen glaubt, dass es noch Glück hatte, dass die Schüsse zur Seite gingen, denn ein Kaliber dieser Größe hätte ihr ganzes Bein wegreißen können.

Maryna war zu dieser Zeit noch im Ausland. Sie versuchte, ihre Söhne anzurufen, aber niemand nahm den Hörer ab. Die Frau dachte, dass ihre Verwandten bereits unterwegs waren, und dass es zwischen den Dörfern einfach keinen Mobilfunkempfang gab. Sie stieg in das Flugzeug und erhielt erst nach der Landung in Polen eine Nachricht von ihrem Ex-Mann.

“Maksym und Iryna wurden getötet, Diana liegt ohne Zehen im Krankenhaus, Sashko ist am Leben, und mit ihm ist alles in Ordnung”. Die Frau fiel kraftlos hin. Die Ärzte der Notaufnahme gaben ihr eine Beruhigungsspritze und einige Tabletten. Später wurde Maryna von einer Freundin abgeholt und blieb bei ihr in Polen. Sashko hat seiner Mutter verboten, in die Ukraine zu fahren. 

“Ich kann nicht auf den Friedhof gehen. Nein und nein, es will mir nicht eingehen, dass Max dort ist”.

Sashko und Diana trafen sich mit Maryna erst am 24. März. Zunächst lebten sie in Luzk. Dort wurde Dianas Behandlung fortgesetzt. Neben der Fußverletzung stand sie nach dem Tod ihrer Mutter unter enormem Stress: Die junge Frau fürchtete sich vor jedem Geräusch, selbst wenn es an der Tür klopfte. Sirenen machten sie hysterisch. 

Auch Sashko war gestresst. Maryna und er suchten jeden Tag nach der Leiche von Maksym. Ihre Bekannten gingen in die Leichenhallen in Tschernihiw. Schließlich fuhr einer ihrer Freunde zum Ort der Tragödie und fand ihr verbranntes Auto.

Das Auto, in dem Iryna Emelianova fuhr. Es wurde von den Russen niedergeschossen und verbrannt.
Das Foto stammt aus dem Familienarchiv.

Am 9. März versuchten mehrere Autos, sich aus Tschernihiw zu evakuieren, und die Russen schossen 5 bis 7 Autos nieder. Dann verfolgten sie die Überlebenden mit Panzern. Sashko, Diana und eine weitere Frau mit ihrer Tochter überlebten. Insgesamt wurden 13 Menschen getötet, ihre Autos wurden geplündert und niedergebrannt. Sashko und Diana hatten 10.000 Dollar im Auto, die sie in ein zukünftiges Haus investieren planten, das sie gemeinsam kaufen wollten.

Ende April wurde Maryna darüber informiert, dass höchstwahrscheinlich die Leiche ihres Sohnes gefunden worden war. Die Knochen gehörten zu einem Teenager, auf dem Kopf waren noch ein paar kurze blonde Haare und ein Stück der grauen Jacke zu sehen. Ein handgroßes Loch gab es in Höhe der Schulterblätter. Die Familie durfte die Leiche nicht sehen, die zusammen mit den Überresten von vier anderen Menschen in einem schwarzen Sack tiefgekühlt in einem Kühlschrank lag. Man bot ihnen an, einen DNA-Test zu machen, und dafür übergab der Vater von Maksym den Experten seine Zahnbürste und seinen Kamm. 

Allerdings mussten sie zwei Monate auf die Ergebnisse warten. Für Maryna war das zu lange. Die Frau suchte nach einer Gelegenheit, ein Stück der Jacke des Opfers zu sehen, einen gesteppten Stoff, von dem sie sicher war, dass sie ihn erkennen würde. Schließlich erhielt sie ein Foto des Stoffes, und es gab keinen Zweifel: Es war die Jacke von Max. Dieses Stück und die Beschreibung des Leichnams genügten ihr, um einen Totenschein und die Erlaubnis zur Beerdigung ihres Sohnes zu erhalten.

Anfang Mai kamen mehrere Klassenkameraden von Maksym und ihre Eltern zur Beerdigung auf den Friedhof von Jazewo. Sein Freund Artem weinte so sehr, dass er sich nicht traute, den Friedhof zu erreichen. Maryna bat darum, einen Platz für das Grab von Max in der Nähe der Gräber ihres Vaters und ihrer Großmutter zu reservieren.

“Wir haben ihn in einem geschlossenen Sarg begraben. Ich habe mir die Überreste nie angesehen. Ich habe sie nur auf Fotos gesehen. Und diese Fotos sind schrecklich. Ich möchte meinen Sohn so in Erinnerung behalten, wie ich ihn zu Lebzeiten gesehen habe”, schluckt Maryna ihre Tränen und Worte hinunter.

“Einerseits scheint es einfacher, dass die Leiche gefunden und begraben wurde. Andererseits kann ich nicht auf den Friedhof gehen. Nein und nein, es will mir nicht eingehen, dass Max dort ist. Ich kann es nicht glauben, ich habe seinen Tod immer noch nicht akzeptiert. Es scheint, als würde mein Sohn vor dem Schlafengehen zu mir kommen und mich küssen und “gute Nacht” sagen, wie er es jeden Abend tat”.

Maksym mit seiner Mutter, Maryna Shelupets.
Foto aus dem Familienarchiv.

Maryna hat Max Zimmer so belassen, wie es zu seinen Lebzeiten aussah, obwohl sie einige seiner Sachen an Kinder verschenkt hat, die im Krieg alles verloren haben. Sie versucht, sich öfter mit ihren Freunden zu treffen und hat begonnen, Tanzunterricht zu nehmen, den sie einst sehr geliebt hat.

“Mein Sohn wollte nicht, dass ich leide. Ich glaube, dass er im Himmel ist und mich anschaut. Und auch wenn ich mich hier schlecht fühle, geht es ihm dort gut. Das hilft mir ein bisschen. Ich will nicht, dass er sich Sorgen macht, dass ich in Depressionen verfalle und leide”, erzählt Maryna.

“Ich erinnere mich an ihre Worte: “Wenn ich sterbe, weine nicht so viel und lebe weiter”.

Diana machte sich sofort auf die Suche nach der Leiche ihrer Mutter: Sie informierte das Militär und mehrere Rettungsdienste über die Situation. Leider war das Gebiet der Region Tschernihiw bis zum 1. April teilweise besetzt, und es war unmöglich, den Todesort ihrer Mutter zu erreichen.

Irynas Leiche wurde Monate später dank Freiwilliger gefunden, die Dianas Geschichte und einen Hilferuf auf Facebook gelesen hatten. Die Männer schnitten dicke Zweige und schufen Gänge im Gebüsch. Und am 16. Juli rief einer von ihnen: “Ich habe es gefunden!” Diana hörte es, während sie im Auto wartete. Sie konnte sich nicht an der Suche beteiligen, da sie sich noch von der Operation an ihrem Bein erholte. Sie sah nur ein Foto: der Körper war fast verwest. Die Überreste des Hundes wurden ebenfalls in der Nähe gefunden. Der Mops ist an Kälte und Hunger gestorben.

Die Polizei traf am Tatort ein, und Irynas Leiche wurde in die Leichenhalle gebracht. Die Angehörigen konnten sie auf dem Jazewo-Friedhof in Tschernihiw beerdigen, nachdem alle erforderlichen Verfahren zur Feststellung der Identität der Verstorbenen durchgeführt worden waren.

Weder das Mädchen noch ihre 69-jährige Großmutter, Irynas Mutter, haben den Verlust bis heute überwunden. Sie sagen, dass sie jeden Tag um ihren Liebsten weinen.

 Iryna Yemelianova.
Foto aus dem Familienarchiv.

Diana hat immer ein Zeichen in Form eines Herzens dabei. Es war ein Geschenk ihrer Mutter. Und auch eine goldene Kette mit einem Anhänger, der von ihrem Körper abgenommen wurde. Sie besucht das Haus ihrer Mutter, wo sie alles so gelassen hat, wie es vor ihrem Tod war. Irynas Hund Din ist noch am Leben und gesund.

“Ich erinnere mich an ihre Worte: “Wenn ich sterbe, weine nicht so viel und lebe weiter”. Das hilft mir, und ich lebe ihr zuliebe. Sashko und seine Mutter sind eine große Hilfe. Gemeinsam ist es leichter, weiterzumachen. Ich lebe auch mit dem Gedanken, dass ich das schaffen muss, wozu meine Mutter und andere, die durch die Hände der Russen starben, keine Zeit hatten. Ich möchte einfach in diesem Land in vollen Zügen leben”, sagt Diana.