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In Kriegszeiten Erklärer

Von Ukrainern zu Ukrainern. 5 digitale Tools und Produkte, die in Kriegszeiten zur Hilfe kommen

Es ist unmöglich, auf alle möglichen Szenarien und alle Herausforderungen, die der Krieg mit sich bringt, vollständig vorbereitet zu sein. Seit dem Beginn der russischen umfangreichen Invasion sind viele neue Bedürfnisse im Alltag der Ukrainer entstanden. Von der wiederholten Ausstellung verlorener Dokumente über die Berichte von Kriegsverbrechen bis hin zu den schnellen Erste-Hilfe-Empfehlungen.

Es sind bessere Werkzeuge für diese Anforderungen notwendig geworden, und die Ukrainer haben diese geschaffen. Denn selbst in den Kriegszeiten lernen, schaffen und werden die Ukrainer besser darin, den Feind zu bekämpfen und unsere eigene und die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten.

Hier sind die wertvollsten digitalen Lösungen, die von den Ukrainern für die Herausforderungen des Krieges geschaffen wurden.

Diia

Diia ist ein ambitioniertes Projekt des Ministeriums für digitale Transformation, das im Jahr 2020 gestartet wurde. Es bietet ein  neues Niveau der Interaktion zwischen dem Staat und den Bürgern. Diia kombiniert eine mobile Anwendung mit dem Zugang zu digitalen Dokumenten und einem einheitlichen Portal für öffentliche Dienstleistungen für die Bevölkerung und Unternehmen. Das Hauptziel besteht darin, 100 % der öffentlichen Dienste online verfügbar zu machen. Dieses Produkt hat bereits zum Abbau von Bürokratie und Korruption beigetragen und die Verfahren in vielen Bereichen beschleunigt. Im Jahre 2021 ist die Ukraine das erste Land mit dem gültigen digitalen Personalausweis geworden, der überall im Land verwendet werden kann.

Ein Beispiel für den digitalen Pass in der Diia-App.

Seit dem 24. Februar hat Diia als Reaktion auf die Anforderungen des Krieges immer wieder neue Dienste hinzugefügt. So wurde etwa zwei Wochen nach Beginn der Invasion, am 11. März, eDokument in die Anwendung aufgenommen. Es handelt sich dabei um ein vorübergehendes digitales Dokument für die Zeit des Kriegsrechts, das denjenigen, die keinen Zugang zur physischen Version des Passes haben, helfen kann, einen Personalausweis zu erhalten.

Später ist es möglich geworden, kriegsbedingte Sachschäden zu melden, um eine Entschädigung vom Staat zu erhalten. Im April fügte Diia die Möglichkeit hinzu, die Einmalzahlungen für Unternehmer aus den von der russischen Invasion am stärksten betroffenen Regionen zu erhalten. Außerdem konnten die Ukrainer den Status von Binnenflüchtlingen und finanzielle Hilfe online beantragen.

Auch jetzt gibt es immer wieder neue Funktionen, die den Bedürfnissen des Krieges entsprechen. Zum Beispiel die Möglichkeit für Menschen aus vorübergehend besetzten Gebieten und Regionen mit aktiven Kriegshandlungen, den Arbeitslosenstatus zu beantragen und monatliche Leistungen zu erhalten. Und das Projekt eWork für Zuschüsse des Staates zur Entwicklung der Unternehmen.

Luftalarm

Das Luftangriffsmeldesystem ist in den Kriegszeiten von entscheidender Bedeutung. Es ist wichtig, dass jeder  in den  Zeiten des ständigen Beschusses die Gefahr eines Angriffs erkennen kann, unabhängig vom Ort und der Tageszeit.

Um dieses Problem zu lösen, hat sich das Entwicklungsunternehmen Stfalcon mit Ajax Systems zusammengetan und mit der Unterstützung des Ministeriums für digitale Transformation die Anwendung “Luftalarm” entwickelt. Der gesamte Entwicklungszyklus dieser Idee bis zur Veröffentlichung dauerte drei Tage. Schon am 1. März konnte die Anwendung heruntergeladen werden.

Die App informiert über den Beginn und das Ende von Raketen-, Artillerie-, Chemie- und Strahlungsgefahren, sowie über die Straßenkämpfe. Sie schaltet die möglichst lauten Alarme ein, auch im Ruhe- oder Schlafmodus des Smartphones.

Die App informiert über verschiedene Arten von Gefahren mit entsprechenden Empfehlungen.

Für verschiedene Arten von Gefahren wurden unterschiedliche Warnungen erstellt. Zusätzlich zu den akustischen Signalen sendet die Anwendung auch Textnachrichten mit Handlungsempfehlungen, je nach der Bedrohung. Die Betreiber in den regionalen Verwaltungen der Ukraine übermitteln Informationen über alle Arten von Gefahren, und die Notdienste koordinieren die Alarme.

Am zweiten Tag stand die Anwendung auf dem ersten Platz im ukrainischen App-Store-Nachrichtensegment und wurde in die Top-Anwendungen im Google Play Store aufgenommen. In der ersten Woche wurde sie von über 2 Millionen Nutzern heruntergeladen.

eEnemy

Am 10. März startete das Ministerium für digitale Transformation den eEnemy Telegram-Chatbot. Er ermöglicht es den Benutzern, die Geolocation, Fotos und Videos der feindlichen Ausrüstung zu senden und das Gesehene in Textform zu beschreiben.

Im April hatte der Bot auch die Möglichkeit, über die am Genozid beteiligten Besatzer in Butscha, Irpin und Hostomel zu berichten. Mit der Möglichkeit, Fotos oder Videos von Kriegsverbrechern zu senden und deren Daten zu übermitteln. Im August wurde der Bot um die Funktion erweitert, die den Standort von explosiven Objekten melden kann. So konnten die Bürger der Ukraine den Minenräumern bei der Beseitigung der von den Invasoren hinterlassenen Minen, Geschosse und Bomben helfen.

Der Hauptvorteil dieses Bots ist die obligatorische Autorisierung durch Diia, so dass Saboteure mit gefälschten Fotos oder Videos nicht spammen können. Alle Daten über den Feind werden an die Streitkräfte der Ukraine übermittelt.

Am 23. September gab der Minister für digitale Transformation, Mychajlo Fedorow, bekannt, dass bereits 368k Ukrainer den eEnemy-Chatbot genutzt haben.

UNITED24

Am 5. Mai kündigte der Präsident Wolodymyr Selenskyj den Start der globalen Initiative United 24 an, um Mittel zur Unterstützung der Ukraine zu sammeln. Der erste Teil der Initiative war eine Spendenplattform, auf der man mit einem Klick Geld für drei Hilfsbereiche (Verteidigung und Minenräumung, humanitäre und medizinische Hilfe sowie Wiederaufbau der Ukraine) spenden kann.

Alle Gelder werden automatisch auf Konten der Nationalbank der Ukraine überwiesen, die den jeweiligen Ministerien zugeordnet sind: dem Verteidigungsministerium, dem Gesundheitsministerium oder dem Infrastrukturministerium. Die NBU berichtet alle 24 Stunden über die Einnahmen aus den Wohltätigkeitsbeiträgen, und die zuständigen Ministerien berichten einmal pro Woche über die Zuweisung der Zuschüsse.

Innerhalb von 4 Monaten hat die Plattform für Spendensammlung UNITED24 mehr als 180 Millionen Dollar für die Ukraine gesammelt. Und ihre Botschafter sind bekannte ukrainische und ausländische Influencer, die diese Initiative bei ihrem Publikum bekannt machen. Unter ihnen sind der Fußballspieler und Manager Andrij Schewtschenko, die Tennisspielerin Elina Switolina, die Musikband Imagine Dragons, der Schauspieler Liev Schreiber, der Balenciaga-Modechef Demna Gvasalia, die Sängerin und Schauspielerin Barbra Streisand und der Schauspieler Mark Hamill.

TacticMedAid

Am 29. März startete das Freiwilligenprojekt TacticMedAid eine mobile Bildungsanwendung, die die grundlegenden Empfehlungen für die Erste Hilfe enthält. Die Anwendung funktioniert offline, so dass jeder, der Erste-Hilfe-Empfehlungen benötigt, diese unabhängig von seinem Standort nutzen kann.

TacticMedAid besteht aus zwei Teilen: einem zivilen und einem militärischen. Der zivile Teil ist hauptsächlich für die Blutstillung bestimmt, da der Blutverlust als die häufigste und gefährlichste Todesursache im Krieg gilt. Der militärische Teil enthält Erläuterungen zu den Algorithmen für verschiedene gängige Arten von Verletzungen und Wunden bei Kampfhandlungen. 

Mehr als 20 qualifizierte Spezialisten aus verschiedenen Ländern, Unternehmen und Branchen arbeiten an dem Projekt. Sie haben sich zusammengeschlossen, um den Ukrainern die Grundlagen der taktischen Medizin auf schnelle, qualifizierte und leicht verständliche Weise zu vermitteln.

Natürlich können Online-Tools nur erste Informationen zu diesem Thema liefern. In der Ukraine wurden auch viele Offline-Initiativen gestartet, um den Menschen praktische Erste-Hilfe-Kenntnisse zu vermitteln.