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In Kriegszeiten Berichte

Svitlana nähte heimlich ukrainische Flaggen im besetzten Cherson

Am 11. November haben die Streitkräfte der Ukraine Cherson befreit. Das ukrainische Militär rückte in die Stadt ein, die seit dem 1. März acht Monate lang besetzt gewesen war, und stellte sich aktiv gegen die Russen. In den nächsten Tagen begrüßten die Einwohner die Soldaten und baten sie, ihre Kleidung oder ukrainische Flaggen zu unterschreiben. Das Letztere war überraschend: Ukrainische Symbole waren nämlich von den Besatzern verboten worden. Wenn die Russen bei jemandem eine ukrainische Flagge im Haus gefunden hätten, wäre es zu Verfolgungen gekommen. Es gab Fälle, in denen Einheimische die Nationalflaggen in Glasdosen versteckten und in ihren Gärten vergruben.

Vielen Einheimischen ist es gelungen, die Flaggen, die ihnen am Herzen liegen, zu bewahren. Und einige waren sogar mutig genug, mehr davon zu machen.

Mehr als fünfzig Menschen auf den Plätzen und Straßen von Cherson hatten große und kleine Flaggen von Svitlana und Oleh Yablokov. Im Frühjahr schlossen sie ihr Atelier und die Frau nähte heimlich ukrainische Flaggen aus dem verbliebenen Stoff. Hier ist die Geschichte ihres stillen Widerstands, erzählt im bereits befreiten Cherson.

Foto: Stas Kozliuk / Babel

Svitlana verabschiedet sich von Oleh und verlässt die Wohnung. Sie hält in den Händen eine Tasche  und steigt vom dritten Stock hinunter. Der Neujahrsschmuck an den Türen der Nachbarn wurde noch nicht entfernt, und auf den Fensterbänken stehen Blumentöpfe, die Svitlana während der Besetzung gestellt hat.

„Darf ich Ihren Hund füttern?“, fragt sie die betrunkenen Männer auf der Bank am Eingang. Sie nicken, und Svitlana holt eine Tüte mit Futter heraus.

Nachdem sie den Hund gefüttert und sich von den überraschten Männern verabschiedet hat, geht Svitlana durch den Hof. Die Straße ist leer, aber ein einsamer Passant geht direkt auf die Frau zu. Sie winkt dem Fremden zu, öffnet ihre Handtasche, holt eine blau-gelbe Schleife heraus und sagt:

“Na komm, nimm es!”

Überrascht nimmt der Junge das Band und versucht sofort, es an seine Jacke zu binden. Svitlana überquert langsam den Hof. Das ist für sie inzwischen zu einer Routine geworden: Sie macht das seit der De-Okkupation ― schon seit 10 Tagen.


Svitlana näht schon seit 35 Jahren. Sie begann in Charkiw, zog dann mehrmals um, versuchte sich im Handel und kehrte wieder zum Nähen zurück. Einige Jahre lang arbeitete sie in einem Atelier, dann eröffneten sie und ihr Mann Oleh ein gemeinsames Unternehmen. Sie war mit dem Nähen beschäftigt, während er sich um Finanzen und Dokumente kümmerte.

Foto: Stas Kozliuk / Babel

Sie hatten drei Angestellte in Cherson. Als die russische Invasion in vollem Umfang begann, verließen zwei von ihnen die Stadt. Eine andere Frau und ihr Mann begannen, der örtlichen Territorialverteidigung und den Verwundeten zu helfen. Mit ihrer Hilfe übergab Svitlana Gebäck an das Krankenhaus. Sie war bereit, noch mehr zu helfen, aber die Stadt wurde bald vollständig besetzt.

“Wir haben beschlossen, Cherson nicht zu verlassen. Oleh ist seit seiner Kindheit behindert: Er hat nur ein Auge”, erklärt Svitlana. “Und wir sind müde von den Umzügen”.

Im Frühjahr arbeitete das Atelier von Svitlana und Oleh mit alten Aufträgen. Am 6. Mai schlossen sie das Unternehmen offiziell: Sie hatten nichts mehr, woraus sie Steuern zahlen konnten. Die Ausrüstung sollte so schnell wie möglich aus dem Atelier entfernt werden: Die Beamten des FSB (des russischen Geheim- und Repressionsdienstes, früher KGB genannt) hatten sich bereits im Hotel niedergelassen, in dem sich das Atelier befand. Oleh verlegte fast alle Nähmaschinen in die Garage. Nur drei von ihnen blieben in der Wohnung der Familie: eine für Strickwaren, die andere, die Oleh seiner Frau am 8. März schenkte, für Stickereien. Und an der dritten nähte Svitlana heimlich Flaggen.

Foto: Stas Kozliuk / Babel
Foto: Stas Kozliuk / Babel

Die Maschine arbeitete leise. Die Nachbarn hörten nichts. Svitlana sammelte Stoffreste in verschiedenen Blau- und Gelbtönen, Spulen mit blauen und gelben Fäden. Einige der Flaggen, die sie herstellte, waren groß genug, um darin eingewickelt zu werden, einige konnte man bequem in den Händen halten, und andere waren sehr klein. Aus Angst vor Durchsuchungen versteckte sie alles in Stoffsäcken auf dem Balkon. In ein paar Monaten nähte Svitlana 65 Fahnen – für mehr reichte der Stoff nicht. Weder Stoffe noch Garn wurden nach Cherson gebracht, die Läden waren leer. Oleh schimpfte wie immer, dass er mit ihr nicht reich werden würde.

“Ich habe nur drei Bekannten aus Cherson erzählt, dass ich Flaggen nähe”, sagt Svitlana. „Einige hatten Angst, während der Besatzung eine Flagge zu haben, aber zwei Familien haben sie mitgenommen. Die eine Familie sind unsere Nachbarn aus dem 5. Stock, sie kamen einfach und nahmen zwei Flaggen mit. Für andere habe ich selbst Flaggen mitgebracht ― ich habe sie zwischen die Kleidungsschichten versteckt und durch die Stadt getragen.

Svitlana war sich sicher, dass Cherson befreit werden würde ― insbesondere nach einer erfolgreichen Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte in der Region Charkiw. Oleh und sie rechneten jedoch damit, dass die De-Okkupation Ende November stattfinden würde.

Und dann, am 11. November, erfuhr sie, dass ukrainische Flaggen bereits im Stadtzentrum hingen. Svitlana glaubte das zunächst nicht ― sie dachte, es seien die Partisanen, die die Flaggen in der Nacht aufgehängt haben, und die Russen hätten die Stadt gar nicht verlassen. Als sie auf die Straße ging, sah sie einen Konvoi hupender Autos.

Jemand rief Svitlana zu: „Cherson ist frei!“ ― und sie eilte nach Hause, um die auf dem Balkon versteckten Flaggen zu holen.

“Ich stand an der Straße und fing an, sie zu verteilen”, erinnert sich Svitlana, und ihr stehen die Tränen in den Augen, genauso wie vielen Einwohnern von Cherson bei solchen Gesprächen. “Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Flaggen so schnell genommen werden würden! Mein Herz klopfte wie wild ― ich habe sogar ein Beruhigungsmittel eingenommen, damit es vor Freude nicht herausspringt”.

Am nächsten Tag trug Svitlana die Flaggen auf den Hauptplatz der Stadt. Alle wurden sofort vergeben. Die Leute boten ihr Geld an, wollten weitere Flaggen bestellen – aber es gibt nichts zum Nähen, und es gibt keinen Strom für Maschinen. Die letzte, größte Flagge, die Svitlana für sich selbst genäht hatte, wurde am 13. November von Unbekannten mitgenommen. Jetzt hat sie nur noch die kleine Flagge an ihrem Fahrrad.

Foto: Stas Kozliuk / Babel

Momentan hat Svitlana keinen Stoff mehr. Alles, was auf den Stofflagern übrig geblieben ist, ist jetzt um ein Vielfaches teurer ― eine Spule gelben Garns kostet zum Beispiel nicht mehr 8 Griwna, sondern 50. Ohne Strom funktionieren die Maschinen nicht. Also näht Svitlana Bänder von Hand ― obwohl es auch dafür keine Nadeln gibt. Sie verschenkt die Flaggen bei ihren Spaziergängen.


Svitlanas ganze Familie hat die Besetzung erlebt ― die Mutter in der Region Charkiw, die Verwandten in der Region Sumy, die Nichte ist immer noch im vorübergehend besetzten Teil der Region Luhansk. Und für Svitlana und ihren Mann ist es das zweite Mal: Die Maschine, mit der Svitlana Flaggen nähte, hat das Ehepaar von der Krim gebracht.

Svitlana und Oleh verließen Sewastopol im Jahr 2016. Sie warteten auf die Befreiung der Halbinsel, aber schließlich verließen sie die Stadt, in der sie vier Jahre lang gelebt hatten. Das Ehepaar schloss das Atelier dort, fand andere Arbeitsplätze für seine sechs Näherinnen und verließ die Stadt. Sie hatten die Wahl zwischen Cherson, Odessa und Mykolajiw

“Wir haben Cherson gewählt, um nach der Befreiung näher an Sewastopol zu sein. Und die Besatzung hat uns auch hier erwischt”, sagt Oleh und holt eine alte Zeitschrift mit ihrer Sewastopol-Anzeige aus einer Schublade.

“Ich wollte nicht weg”, sagt Svitlana, “es war einer der schönsten Orte in meinem Leben. Ich liebe Cherson auch, aber wenn die Krim zurück ist, gehen wir auch zurück. Das wird wahrscheinlich das letzte Mal sein, dass ich umziehe”.

In Sewastopol, vor der russischen Besetzung, nähten Svitlana und ihre Mitarbeiterinnen oft Militäruniformen. Das tat sie auch in Cherson. Außerdem nähte sie kostenlos für Großmütter und Großfamilien und spendete Stoff zum Weben von Tarnnetzen.

Ihr Haus sieht immer noch wie “eine kleine Krim” aus. An der Wand hängt ein Gemälde des Kischka-Gebirges, das aus Sewastopol mitgebracht wurde. Am Fenster stehen Fahrräder, die vor langer Zeit auf der Krim gekauft wurden. Irgendwo in der Wohnung befindet sich eine gut versteckte ukrainische Flagge, die aus der ersten Besatzungszeit gerettet wurde.

Weder Svitlana noch Oleg wissen, ob ihr Unternehmen wieder aufgebaut wird, ob die Familie in Cherson bleibt oder ob es Kunden geben wird. Die Wasser- und Stromversorgung in der Stadt soll wiederhergestellt werden, und erst dann wird der Stoff mit den Fäden wieder verfügbar sein. Dann wird Svitlana eine große Flagge nähen, die Unterschriften der Chersoner Bürger darauf sammeln und sie nach Mykolajiw bringen ― mit dem Dank für den verteidigten Süden.