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Lebensmittel als Waffe. Was Sie über den Holodomor, die künstliche Hungersnot, der die Millionen von Ukrainern zum Opfer fielen, wissen sollen

Jedes Jahr am vierten Samstag im November gedenken die Ukraine und die ganze Welt der Millionen Opfer des Holodomor von 1932-1933. Wir gedenken derer, die nicht wegen Missernten oder Naturkatastrophen verhungerten, sondern wegen Stalins gezielten Genozid der Ukrainer.

Fast neun Jahrzehnte sind seit diesem Verbrechen vergangen. Dennoch wird der Holodomor in der Welt immer noch nicht einstimmig als Völkermord anerkannt. Es gibt keine einzige Resolution der UN-Generalversammlung, die das totalitäre sowjetische Regime klar und deutlich auf eine Stufe mit dem Nationalsozialismus stellen würde.

Das Nationalmuseum von Holodomor-Genozid in Kyjiw.
Foto: Eduard Kryzhanivskyi

In diesem Jahr sollen die Ukrainer das Gedenken an die Opfer des Völkermordes in einem umfassenden Krieg mit Russland ehren. Der Krieg, der wieder einmal mit Genozid-Methoden geführt wird. Diesmal aber verheimlicht das russische Regime jedoch nicht mehr sein Ziel, die ukrainische Identität zu vernichten.

Darüber hinaus setzt Moskau wieder einmal Lebensmittel als Waffe ein, diesmal um die internationale Gemeinschaft unter Druck zu setzen. Monatelang war das Schwarze Meer vollständig von Russland blockiert, wodurch die Menge der aus der Ukraine exportierten landwirtschaftlichen Produkte erheblich zurückging. Aufgrund der russischen Aggression droht den 730.000 Menschen auf der Welt eine Hungersnot. Fruchtbares ukrainisches Land wird mit Sprengstoff bedeckt, während ukrainische Ernten aus den vorübergehend besetzten Gebieten gestohlen werden.

Die Verbrechen und Tragödien, die sich vor unseren Augen abspielen, zeigen, warum das Gedenken so wichtig ist. Diejenigen, die das Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, sollen verurteilt werden, während die Opfer gerecht geehrt werden sollen. Andernfalls wird das Böse ungestraft immer wieder zurückkehren. Ebenso wie der gegenwärtige Krieg Russlands gegen die Ukraine war auch das Genozid Anfang der 1930er Jahre eine Reaktion auf den Wunsch der Ukrainer, frei und unabhängig auf ihrem eigenen Land zu leben.

Vor der Tragödie: Ukrainische nationale Wiedergeburt

Am Ende des Ersten Weltkriegs, als die Imperien in Europa zusammenbrachen, begannen zahlreiche Nationen, auf ihren Ruinen ihre eigenen Staaten aufzubauen. Die Ukrainer, die damals zwischen dem österreichisch-ungarischen und dem russischen Reich aufgeteilt waren, gehörten zu diesen Nationen.

Im Jahre 1917 entwickelte sich die ukrainische nationale Befreiungsbewegung rasch auf dem Territorium des Russischen Reiches, wo die revolutionären Ereignisse bereits begonnen hatten. Innerhalb eines Jahres, im Januar 1918, rief die ukrainische Zentralrada (das Parlament) die Unabhängigkeit der Ukrainischen Volksrepublik aus. Ein Jahr später, am 22. Januar 1919, kam es zu einem weiteren bedeutenden Ereignis: Die zuvor zwischen den beiden Reichen aufgeteilten ukrainischen Gebiete wurden durch das Vereinigungsgesetz (“Akt Sluky”) zu einem Staat vereinigt.

Proklamation des Vereinigungsgesetzes in Kyjiw. 22. Januar 1919.
Foto: Ukrainisches Institut für Nationales Gedenken

Von Anfang an mussten die Ukrainer ihren Staat an mehreren Fronten gleichzeitig verteidigen. Anfang der 1920er Jahre übernahmen die Bolschewiki in Russland die Macht, und die Rote Armee besetzte die Ukrainische Volksrepublik. So kam ein großer Teil der Ukraine in die Sowjetunion.

Die Erfahrung der Staatlichkeit geriet jedoch nicht einfach in Vergessenheit. Trotz des Krieges und der politischen Kämpfe gelang es den Ukrainern in nur wenigen Jahren, staatliche Institutionen zu bilden, kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen zu gründen und die Entwicklung der nationalen Kunst und Literatur voranzutreiben.

Um die Kontrolle über die eroberte Ukraine zu stärken, mussten die Bolschewiki das berücksichtigen. Sie errichteten eine quasi-staatliche Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik (Ukrainische SSR). Das kommunistische Regime setzte auf die Politik der “Indigenisierung”, d. h. auf die Entwicklung der lokalen Kulturen. Außerdem setzte es auf die Neue Wirtschaftspolitik (NEP), die zur Liberalisierung der Wirtschaft beitrug.

Daher setzte sich die nationale Wiedergeburt in der Ukraine in den 1920er Jahren auch auf kulturellem Gebiet fort. Sie konzentrierte sich weitgehend auf ukrainische Traditionen und Europa, aber nicht auf Moskau. Der Slogan des ukrainischen Kommunisten und Schriftstellers Mykola Chwyljovyj “Weg von Moskau” wurde zum Symbol dieser Zeit.

Das Genozid wurde zur Unterwerfung der Ukraine organisiert

Das Ende der 1920er Jahre war ein Wendepunkt. Joseph Stalin konzentrierte die gesamte politische Macht in seinen Händen und begann mit der Zwangskollektivierung und Industrialisierung. Die Ukraine mit ihrem landwirtschaftlichen und industriellen Potenzial wurde als Geldquelle für diese ehrgeizigen Pläne eingesetzt. Moskau spielte nicht mehr mit den nationalen Bewegungen herum. Die NEP und die Politik der “Indigenisierung” wurden beschnitten. Die Rücknahme der Ukrainisierung fiel zeitlich mit der künstlichen Hungersnot zusammen und war Teil der Völkermordpolitik.

Einer der ersten demonstrativen politischen Gerichtsprozesse in der Sowjetunion fand 1929 statt und richtete sich gegen ukrainische Intellektuelle, die an der Spitze der Ukrainisierung standen. Etwa 300 Personen wurden wegen ihrer Beteiligung an einer fiktiven Organisation, der Union für die Befreiung der Ukraine, verurteilt.

Im selben Jahr kamen Zehntausende von Agenten der Staatlichen Politischen Verwaltung (GPU, sowjetischer Geheimdienst und Geheimpolizei), kommunistische Parteifunktionäre und einfache Parteimitglieder in ukrainische Dörfer, um die Bauern zu zwingen, sich Kolchosen anzuschließen. Die Behörden starteten eine Kampagne zur Verfolgung wohlhabender Bauern, die als “Kurkuls” bezeichnet wurden. In den ersten vier Monaten des Jahres 1930 wurden über 113.000 “Kurkuls” aus der sowjetischen Ukraine deportiert. Tausende von kalten Güterwaggons voller Menschen wurden in abgelegene Gebiete Sibiriens und Kasachstans gebracht. Die Deportationen von Familien aus den ukrainischen Dörfern wurden in den nachfolgenden Jahren fortgesetzt.

Eine als “Kurkuls” bezeichnete Familie auf dem Weg ins Exil.
Foto: Marko Zalizniak / Nationalmuseum von Holodomor-Genozid

Als Folge davon wurde das ukrainische Land im Februar und März 1930 von einer Welle von Aufständen und bewaffneten Demonstrationen gegen die Zwangskollektivierung der landwirtschaftlichen Betriebe heimgesucht. In diesem Jahr wurden in der sowjetischen Ukraine mehr als 4.000 Massenproteste gezählt, an denen sich 1,2 Millionen Bauern beteiligten. Die Bauernproteste fanden in verschiedenen Regionen der Sowjetunion statt, aber in der Ukraine war der Widerstand besonders groß. Zu groß, um  durch Repressionen allein bekämpft zu werden. Das sowjetische Regime trat einen taktischen Rückzug an, gab aber die Pläne zur Unterwerfung der Ukraine nicht auf.

Im nachfolgenden Jahr wurde die Kollektivierung wieder aufgenommen – aktiv, aber langsam, diesmal Familie für Familie und nicht das ganze Dorf auf einmal. Immerhin gelang es den sowjetischen Behörden, etwa 70 % der bäuerlichen Höfe zu kollektivieren. Das System der kollektiven Landwirtschaft erbrachte jedoch nicht die erwarteten Ergebnisse. Um die festgelegten Ernte-Quoten zu erfüllen, wurde den Bauern 1931 fast die gesamte Ernte entzogen.

Zu Beginn des Jahres 1932 herrschte in den ukrainischen Dörfern bereits Hunger, und die Menschen hatten nicht genug Getreide, um die Felder zu bestellen. Die Kolchosbauern schrieben Briefe an die Staats- und Parteiführung über die Situation, ukrainische Kommunisten appellierten an die Führung der Sowjetunion und übermittelten zahlreiche Berichte über Hungertote in ukrainischen Dörfern.

“Die Bauern gehen auf die Felder und verschwinden. Nach ein paar Tagen werden ihre Leichen entdeckt und in Gräber gelegt, völlig emotionslos, als ob es normal wäre. Und am nächsten Tag findet man vielleicht schon die Leiche einer Person, die gerade die Gräber für die anderen ausgehoben hat”, steht in einem solchen Brief vom Juni 1932.

Wlas Tschubar, der Regierungschef der Ukrainischen SSR, gab im Juni 1932 zu, dass die Hungersnot durch überhöhte Abgaben verursacht worden war, so dass die Bauern nichts zu essen hatten. Er schrieb darüber an Stalin. In der kritischen Situation, die sich entwickelt hatte, bestand der zivilisierte Ausweg aus der Krise darin, die überhöhten Quoten zu revidieren und den hungernden Bauern Hilfe zukommen zu lassen. Die Leader der Sowjetunion in Moskau taten jedoch weder das erste noch das zweite.

Mehrere Familien aus der verhungernden Region sind zu Fuß auf dem Weg nach Charkiw.
Foto: Alexander Wienerberger / Das Nationalmuseum von Holodomor-Genozid

Im Gegenteil: Im August 1932 erließen die Behörden das berüchtigte “Ährengesetz”. Der “Diebstahl” von Kolchos-Eigentum wurde mit der Hinrichtung bestraft, und selbst ein paar auf dem Feld gepflückte Ähren galten als Diebstahl.

Josef Stalin setzte den Hunger als Waffe gegen die Ukrainer ein, die er als Bedrohung angesehen hat. Gleichzeitig mit der künstlich herbeigeführten Hungersnot zur Unterwerfung der ukrainischen Landbevölkerung leitete er groß angelegte Repressionen gegen ukrainische Kommunisten und Funktionäre ein, die als nicht loyal genug galten. Außerdem wurde die Politik der Ukrainisierung eingeschränkt, und die Verfolgung ukrainischer Künstler, Kulturschaffender und Wissenschaftler hat begonnen.

Es wurde alles getan, um die Ukraine zu einer, wie Stalin sagte, “Vorbild-Republik” zu machen. Der sowjetische Diktator betrachtete den möglichen Verlust der Ukraine als Bedrohung für die Existenz der Sowjetunion selbst.

In der ersten Hälfte des Jahres 1933 beobachteten Demographen eine Explosion der Sterblichkeit in der Ukraine. Die meisten der Millionen Hungertoten entfielen auf diesen Zeitraum. Die Hungersnot trat in verschiedenen Regionen der UdSSR auf, aber nur in der Ukraine sowie im Kuban und im Nordkaukasus, in den Gebieten, die überwiegend von ethnischen Ukrainern bewohnt wurden, war die Sterblichkeitsrate so hoch. Die Hauptgründe dafür waren repressive Maßnahmen, die den ukrainischen Bauern die Möglichkeit entnommen haben, sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen oder diese zu besorgen.

Ende 1932 und 1933 wurden den Bauern neben dem Getreide auch andere Lebensmittel, sowie auch das Vieh zwangsweise entzogen. Im Januar-Februar 1933 wurden massenhafte Durchsuchungen  in privaten Höfen und Häusern durchgeführt und alle noch vorhandenen Reste von Lebensmitteln beschlagnahmt.

“Die Brigade geht von Haus zu Haus und nimmt alles, was sie will, von wem sie will, und wohin sie dann geht, ist nicht bekannt. Es gibt Fälle, in denen sie so viel Brot wegnehmen, wie es vorhanden ist, und wenn du es nicht herausgibst, verhaften sie dich und nehmen dir dein ganzes Eigentum weg. Wenn du es nicht abgibst, werden sie dich schlagen, und wenn du sie nicht ins Haus lässt, werden sie die Tür einschlagen. Einige Leute kauften Brot, und dann beschuldigte die Brigade sie des „Diebstahls aus der Kolchose“, und dann nahmen sie Kohl, Gurken und alles andere aus den Kellern“, berichtete einer der Mitwirkenden der Redaktion der Zeitung „Sowjetisches Dorf“ im Dezember 1932 über die “Aktivitäten” einer solchen Brigade im Dorf Krasnopillia in der damaligen Region Odessa (heute Kirowograd).

Die Kolchosen, Dörfer und sogar ganze Bezirke wurden auf die so genannten “Schwarzen Bretter” gesetzt, weil sie die Quoten für die Getreideernte nicht erfüllten. Das bedeutete im Wesentlichen die Verhängung des Ausnahmezustands und die Isolierung. Militäreinheiten umstellten solche Siedlungen. Den Bauern wurde die Bewegungsfreiheit weggenommen, so dass nur wenige auf der Suche nach Lebensmitteln woanders hingehen konnten. Zur Durchführung der schwersten Repressionen wurden Parteimitglieder und Soldaten aus anderen Teilen der UdSSR in die Ukraine geschickt, die kein Erbarmen mit den zum Hungertod verurteilten Menschen hatten.

In der sowjetischen Ukraine wurden absichtlich und künstlich die Bedingungen geschaffen, die das Überleben der ukrainischen Bauern fast unmöglich machten.

Im Jahre 1933 waren die ukrainischen Dörfer trostlos und kalt. Sie waren wie die Hölle auf dem Erden. Erschöpft und aufgequollen vom Hunger hatten Erwachsene und Kinder einen langsamen und schmerzhaften Tod in Verzweiflung und Demütigung, umgeben von Schweigen und Gleichgültigkeit. Die Ukraine glich einem riesigen Konzentrationslager – Wachtürme, geschlossene Grenzen, Tod und Hoffnungslosigkeit.

“In der Ukraine sterben ganze Dörfer aus. Ich weiß noch, was mir ein Agronom in Charkiw erzählte. Er fuhr in die Region Poltawa, um Verträge für den Anbau von Rüben zu unterzeichnen. Es war im frühen Frühling. Er betrat das Dorf, eingehüllt in Totenstille. Er betrat mit seinem Begleiter die Häuser und sah die Leichen, die zu zerlegen begonnen hatten. Er sah tote Kinder und ein Kindermädchen im Kinderzimmer”.

Dies ist ein Eintrag aus dem Tagebuch von Oleksandra Radchenko aus dem Jahr 1933. Sie war eine Lehrerin, die während des Holodomor in der Region Charkiw lebte. Oleksandras Tagebücher, die sie seit 1926 geführt hatte, wurden in ihrem Strafverfahren aufbewahrt. Aus diesem Grund verhafteten und verurteilten sowjetischen Behörden die Lehrerin. Radchenkos Zeugnis wurde von Forschern erst gefunden und veröffentlicht, als die Archive der sowjetischen Militär-, Sicherheits- und Repressionsbehörden in der unabhängigen Ukraine öffentlich wurden.

Ein weiteres Tagebuch, in dem die Zeugenaussagen über den Holodomor festgehalten wurden, gehörte dem Bauern Nestor Bilous. Es wurde ebenfalls unter den Strafsachen-Akten aufbewahrt.

“Menschen jeden Alters sterben an Hunger, besonders Kinder. In einigen Familien sind alle kleinen Kinder, vom Säugling bis zum 10-Jährigen, gestorben”, schrieb er im April 1933.

Das ist sein Bericht vom Juni desselben Jahres: “Die Menschen sterben vor Hunger: auf den Bahnhöfen, in Charkiw, auf den Feldern, und niemand bringt sie weg. Zum Beispiel ist Mykola Kostenko vor etwa einem Monat in der Nähe von Taganka gestorben, und niemand hat die Leiche weggebracht, obwohl jeden Tag Kommandanten der Roten Armee vorbeikommen. Niemand ist besorgt, dass die Leiche bereits zerlegt ist und man nicht mehr vorbeigehen kann”.

Die Erinnerung an die ukrainische Hungersnot wird von der Generation zur Generation weitergegeben

Mit der Methode des Genozids gelang es Stalin, eine zumindest für einige Zeit die nicht bedrohliche Sowjet-Ukraine zu schaffen und sie schließlich in das sowjetische imperiale Projekt zu integrieren.

Der Völkerrechtler Rafal Lemkin, der den Begriff “Völkermord” geprägt hat, nannte später die Ereignisse in der Ukraine “ein klassisches Beispiel für sowjetisches Genozid”. Der Kern der ländlichen Gesellschaft in der Ukraine, der damals den Kern der ukrainischen Nation bildete, wurde geplündert und zerstört. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich die ukrainische Kultur von den Repressionen der 1930er Jahre sich wiederaufzubauen begann.

Dem sowjetischen Diktator gelang es nicht nur, die widerspenstige Republik für einige Zeit zu zähmen, sondern auch, die Wahrheit über den Völkermord unter den Lügen und Verfälschungen der sowjetischen Propaganda zu begraben. Selbst Familien, die den Holodomor überlebt hatten, sprachen jahrzehntelang nicht über das, was sie erlebt hatten. Doch die Wunde blutete weiter. Ältere Generationen von Ukrainern konnten für den Rest ihres Lebens weder einen Tropfen Suppe auf ihrem Teller noch einen Krümel Brot auf dem Tisch liegen lassen. Die psychologischen und soziokulturellen Folgen dieses Völkermordes werden noch immer untersucht.

Ein junges Mädchen mit Anzeichen von Hunger in Charkiw, 1933.
Foto: Alexander Wienerberger / Das Nationalmuseum von Holodomor-Genozid

Das Ausmaß der Lügen und Fälschungen des kommunistischen totalitären Regimes war so groß, dass die Forscher bis heute nicht die genaue Zahl der im Holodomor getöteten Menschen nennen können – geschweige denn alle ihre Namen ermitteln können. In wissenschaftlichen Diskussionen wird die Zahl der Opfer von 4 bis 10 Millionen angegeben.

Der Weg zu einer breiteren Erforschung und öffentlichen Erinnerung an den ukrainischen Völkermord wurde erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wirklich frei. Im September 1993, 60 Jahre nach der Tragödie, ehrte die Ukraine die Opfer zum ersten Mal auf staatlicher Ebene. Im Jahre 2002 wurde der Holodomor von 1932-1933 durch eine Resolution des ukrainischen Parlaments und 2006 durch ein Gesetz als Genozid an den Ukrainern anerkannt.

Bis November 2022 haben 19 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen den Holodomor auf parlamentarischer Ebene als Genozid anerkannt, darunter auch Deutschland. Der Deutsche Bundestag stimmte am 30. November 2022 für eine solche Resolution.

Die ukrainische Gesellschaft ist dankbar für ihre Rücksichtnahme auf die historische Wahrheit und ihre Solidarität. Auf der Ebene der UN-Generalversammlung gibt es jedoch immer noch keine Resolution, die das sowjetische totalitäre Regime klar und begründet verurteilt. Obwohl Historiker und Juristen seit langem auf die Zweckmäßigkeit einer Verurteilung des kommunistischen totalitären Regimes auf dem Niveau des Nationalsozialismus und auf die Ähnlichkeit beider Regime hinweisen.

Für die Ukrainer ist diese schreckliche Geschichte eine Erinnerung daran, dass wir durch den Verlust unseres eigenen Staates dem Verbrechen des Genozud schutzlos ausgeliefert sind. Und so kämpfen wir heute, wenn Russland, der Nachfolger des Stalins totalitären Regimes, so hartnäckig versucht, die Ukraine zu zerstören. Die Ukrainer wissen, was auf dem Spiel steht, vor allem, wenn wir heute sehen, wie die russischen Streitkräfte in den ukrainischen Gebieten, die sie vorübergehend besetzen konnten, erneut zu genozidähnlichen Methoden greifen.

Doch dies ist auch eine Lehre für die Welt: Wenn wir die Augen vor den abscheulichen Verbrechen der Regime schließen, schaffen wir die Grundlage dafür, dass sie sich wiederholen können.

Heute greift das russische Regime im Krieg gegen die Ukraine auf genozidähnliche Methoden zurück. Aber es zögert davor nicht, wieder einmal Lebensmittel als Waffe einzusetzen, diesmal, um die internationale Gemeinschaft unter Druck zu setzen. Russland ist es egal, wer und wo leidet oder gar verhungert.

Nur ein angemessenes Gedenken, die Verurteilung und Bestrafung aller Täter, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, kann eine Garantie dafür sein, dass sie ihre Verbrechen nicht wiederholen. Die Anerkennung des Holodomor als Genozid und die Verurteilung des totalitären sowjetischen Regimes sind die unumgänglichen Schritte auf diesem Weg.

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit dem Ukrainischen Institut für Nationales Gedenken erstellt.