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In Kriegszeiten Berichte

Den Krieg festhalten: Ukrainische Fotografen zeigen ihre wichtigsten Bilder

Die Welt sieht die Realität der russischen Invasion in der Ukraine durch die Bilder derer, die es wagen, trotz der Gefahr zu fotografieren und zu dokumentieren.

Die Arbeit der ukrainischen Fotografen während des Krieges ist bemerkenswert. Ihre Arbeit lenkt die Aufmerksamkeit der Welt auf die Schrecken der russischen Invasion und der Besatzung, dient als Beweis für Kriegsverbrechen und vermittelt den Geist des ukrainischen Widerstands, auch wenn es schwer ist, Worte dafür zu finden.

Wir sprachen mit ukrainischen Fotografen über die bemerkenswertesten Bilder, die sie während des russischen Krieges aufgenommen haben, und die Geschichte dahinter.

Massaker von Butscha. Mykhailo Palinchak

Butscha. 2. April 2022.
Foto: Mykhailo Palinchak

Während des ersten Monats der großen Invasion arbeitete Mykhailo Palinchak in Kyjiw. Russische Truppen besetzten Städte und Dörfer in der Umgebung der Hauptstadt, verübten Gräueltaten an der Zivilbevölkerung und erschossen diejenigen, die zu fliehen versuchten.

Anfang April 2022 befreite die ukrainische Armee die Vororte von Kyjiw. Mykhailo wusste sofort, dass er dorthin musste, als er die offizielle Bekanntmachung des Verteidigungsministeriums über den Abzug der russischen Truppen sah.

Er schloss sich dem Kyjiwer Territorialverteidigungsbataillon an, das den Einwohnern von Butscha humanitäre Hilfe leistete.

„Unterwegs sah ich Leichen. Wir kamen zu einem zerstörten Supermarkt, wo das Militär mit der Verteilung von Hilfsgütern begann, und ich ging ein Stück zurück, um zu fotografieren”, erzählt Mykhailo Palinchak.

„Es war unvorstellbar, dass im 21. Jahrhundert Dutzende von Leichen wochenlang mitten in einer europäischen Stadt liegen würden”.

„Hier verteilt die Territorialverteidigung Brot und Konserven an die erschöpften Menschen, die seit fast einem Monat unter Besatzung sind und überlebt haben. Dort sind auch diejenigen, die weniger Glück hatten und erschossen wurden, weil sie weggehen wollten. Es ist surrealistisch und mit Worten kaum zu beschreiben”, erinnert sich Mykhailo.

Die Massengräber und die Greueltaten der Russen im Kyjiwer Gebiet waren auf den Seiten der wichtigsten Medien der Welt zu sehen. Sie zeigten, was die Russen in den von ihnen besetzten Gebieten taten. Das stärkte die Unterstützung der Ukraine und veränderte die Wahrnehmung und damit den Verlauf des Krieges.

„Wichtig ist, dass nicht nur ein oder zwei Fotografen vor Ort waren — Dutzende ukrainische und ausländische Korrespondenten haben die Bilder aus verschiedenen Blickwinkeln, zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten aufgenommen. Das widerlegt den Fälschungsvorwurf der Russen”.

Wenn Mykhailo Palinchak über die Bedeutung der Arbeit von Medienschaffenden spricht, erinnert er sich an die Geschichte einer Familie, die er während der Aufnahme der Evakuierung aus der Region Charkiw kennenlernte. Zum Zeitpunkt der russischen Invasion lebte das junge Paar in Charkiw. Die Frau war schwanger. Anfang März 2022 floh das Paar in ein Dorf im Bezirk Isjum, weil sich die Russen Charkiw näherten und die Stadt intensiv bombardierten.  

Sie hatten Internet und verfolgten die Nachrichten, aber im ersten Monat passierte nicht viel im Dorf. Am 3. April sah das Ehepaar Fotos von Butscha. Wenige Stunden später wurde ihr Dorf von den Russen besetzt. 

„In diesem Moment wurde ihnen klar, dass sie so schnell wie möglich weg mussten. Sie sahen, was passieren könnte, und das war ein wichtiger Grund für sie, sich zu beeilen. Heute geht es der Familie gut. Sie haben einen wunderbaren kleinen Jungen und leben in Charkiw”, sagt der Fotograf.

Erster Apfel. Vitalii Yurasov

Gefangenenaustausch. 26. April 2023.
Foto: Vitalii Yurasov

Am 26. April 2023 brachte die Ukraine 42 Soldaten und zwei Zivilisten aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Vitalii Yurasov konnte die ersten Schritte der Ukrainer in ihrer Heimat filmen. Sein wichtigstes Foto ist das von Mykhailo, der zum ersten Mal seit langem wieder einen Apfel in der Hand hält. Der Soldat war über ein Jahr in russischer Gefangenschaft.

„Das ist das stärkste Gefühl und das stärkste Foto, das ich während des Krieges gemacht habe. Es ist eine Mischung aus Freude und Schmerz: Freude, weil die Soldaten endlich zu Hause sind und diese Hölle für sie vorbei ist. Schmerz, weil man ihren Zustand sieht und versteht, was sie durchgemacht haben”, sagt Vitalii Yurasov.

Die Koordinierungsstelle für die Behandlung von Kriegsgefangenen holt den Bus mit den ausgetauschten Ukrainern ab. Die Soldaten erhalten ein Paket mit dem Nötigsten, eine ukrainische Fahne und Lebensmittel.

Die Männer rauchen ihre ersten Zigaretten seit einem Jahr und fragen, ob die Ukraine wirklich Charkiw und Odessa verloren habe. Stattdessen wird ihnen gesagt, dass die Ukraine diese Städte nicht verloren hat, sondern im Gegenteil eine große Gegenoffensive gestartet und Cherson im November 2022 befreit hat. 

„Es war schmerzhaft, es zu realisieren, es zu sehen, es zu filmen. Und dann erinnert man sich daran, woher sie kommen, und man will sie nicht daran erinnern. Auch nicht mit deinem verwirrten, traurigen Gesicht”, erinnert sich Yurasov.

Der Fotograf weist darauf hin, dass die Russen immer noch Tausende ukrainische Soldaten ohne angemessene Bedingungen gefangen halten. Russland hält sich nicht an die Genfer Konvention zur Behandlung von Kriegsgefangenen und verweigert unabhängigen Menschenrechtsorganisationen den Zugang zur Überprüfung der Haftbedingungen.

Hund, der vor Überschwemmungen in Cherson gerettet wurde. Serhii Korovayny

Cherson. 7. Juni 2023.
Foto: Serhii Korovayny für das Wall Street Journal

Im Juni 2023 sprengten die Russen das Wasserkraftwerk Kachowka. In der Folge wurden die Stadt Cherson und die Siedlungen in den Regionen Cherson und Mykolajiw überflutet. Rettungskräfte evakuierten die Bevölkerung unter russischem Beschuss.

Serhii Korovayny las in den Morgennachrichten von der von Menschen verursachten Katastrophe und machte sich wenige Stunden später mit anderen Journalisten und Fotografen auf den Weg nach Cherson. Sie kamen am Abend an, verbrachten die Nacht auf dem Bauernhof eines Freundes und begannen am nächsten Morgen mit der Dokumentation der Überschwemmungen.

„Es ist eine schreckliche Tragödie. Das Wasser stieg. Aber es herrschte ein Gefühl der moralischen Ermutigung, wie auf dem Majdan. Alle haben zusammengearbeitet: die Polizei, das Militär und viele Freiwillige. Jeder war bereit zu helfen”, sagt Serhii.

Er war gerade dabei, seine Kamera aufzustellen, als er eines der Boote kommen sah. Ein Schäferhund zitterte vor Kälte. Er hatte viele Stunden im kalten Wasser verbracht und konnte nicht mehr alleine laufen. Als der Hund aus dem Boot gezogen wurde, lehnte er sich an das Bein des Freiwilligen und umarmte ihn.

„Es war eine fast menschliche Geste, die sowohl Dankbarkeit [für die Rettung] als auch den Wunsch zu leben zeigte. Dieser Hund schien mir menschlicher als 140 Millionen Russen zu sein”.

Korovayny machte schnell ein Foto von dem Hund und setzte seine Arbeit fort. Am Abend, als er sich das Filmmaterial ansah, brach er beim Anblick des Fotos in Tränen aus und postete es in seinen sozialen Netzwerken.

Der Hund wurde in ein Tierheim in Odessa gebracht, wo er erst Anfang 2024 ein Zuhause fand.

Während der russischen Invasion in der Ukraine ist Serhii von der Macht der visuellen Erzählung überzeugt. Er arbeitet mit ausländischen Medien zusammen und hofft, dass seine Fotos die Unterstützung für die Ukraine beeinflussen werden.

„Die Russen machen verrückte Sachen. Und wenn nicht Dutzende von Journalisten in Butscha, Borodjanka, Makariw gewesen wären… wenn nicht [Mstyslav] Chernov, [Yevhen] Malolietka und [Vasilisa] Stepanenko (das ukrainische AP-Team — Anm. d. Red.) in Mariupol geblieben wären, hätten die Russen weiter behaupten können, es handele sich um Fälschungen und es habe keine Angriffe auf Entbindungsstationen und Massengräber gegeben”, schließt Serhii Korovayny.

Geschrieben von Andriana Velianyk
Übersetzt von Taisiia Blinova