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In Kriegszeiten Berichte

Aktivitäten des ukrainischen Untergrunds: ein Interview mit dem Koordinator der Bewegung “Gelbes Band” in der Region Cherson

Der russische Terror zwang ukrainische Aktivisten in den vorübergehend besetzten Gebieten, sich zu verstecken. So konnten die russischen Propagandisten das Bild machen, dass alle mit Russland zufrieden sind. Im Gegenteil: Menschen mit einer pro-ukrainischen Meinung haben eine Partisanenbewegung gegründet – eine solche Bewegung gibt es auf der Krim, in den vorübergehend besetzten Gebieten der Regionen Donezk und Luhansk; eine solche Bewegung war auch in Cherson aktiv, bevor die Stadt am 11. November durch ukrainische Truppen befreit wurde.

Die Journalistin Yelizaveta Kamenieva sprach mit dem Koordinator des “Gelben Bandes” in der Region Cherson, Iwan. Aus Sicherheitsgründen nennen wir nur seinen Vornamen.

Foto: “Gelbes Band”

Wie hat die Bewegung begonnen?

Im April wollten die Besatzungsbehörden ein Pseudo-Referendum über die Gründung der “Volksrepublik Cherson” durchführen. Lokale Aktivisten haben beschlossen, die russische Propaganda zu bekämpfen und insbesondere das Pseudoreferendum zu verhindern.

“Wir haben die mobile Verbindung verloren. Wir konnten nicht einfach ständig schreiben, dass Cherson die Ukraine ist, dass wir hier nicht auf Russland warten, dass wir mit dem Regime der neuen “Verwaltung” nicht einverstanden sind. Dann haben wir angefangen, aktiv zu sein”, sagt der Mann.

Ihm zufolge wollten die Aktivisten den Einheimischen Hoffnung in Form eines gelben Bandes, einem Symbol der Ukraine, geben. Warum haben sie nicht die blaue Farbe verwendet? Ganz einfach – die Russen verstanden nicht sofort, was diese Bewegung bedeutete, also hatten sie es nicht eilig, sie zu unterdrücken. Das machte es möglich, den ersten Protest zu organisieren, als die Teilnehmer die Gründung der “Volksrepublik Cherson” boykottierten.

Wie haben Sie Gleichgesinnte gefunden?

Laut Iwan haben sie nicht gezielt nach jemandem gesucht. Stattdessen reagierten die Bewohner von Cherson, als die Partisanen die ersten 100 Bänder in der Stadt aufgehängt haben. Einige glaubten nicht, dass es sich um eine ukrainische Bewegung handelte, und vermuteten, dass dies das Werk des russischen Geheimdienstes war, der die patriotisch gestimmten  Ukrainer anlockte. Andere machten Fotos und teilten sie in sozialen Netzwerken auf eigenes Risiko. Gleichzeitig kommunizierten die Koordinatoren mit den Bloggern, um zu erklären, dass sie auf der ukrainischen Seite standen.

Iwan erinnert sich an die Reaktionen der Einwohner von Cherson: “Die Leute sprachen auf der Straße über uns, unterstützten uns, halfen uns. Es war schön, eine Frau zu sehen, die auf einer Bank saß und dabei war, ihr Band aufzuhängen. Das war ein gutes Zeichen für uns.” Es gab immer mehr Teilnehmer an der Bewegung: Sie kauften Drucker, gaben Plakate heraus und hängten sie in verschiedenen Teilen der Stadt auf.

Plakate mit dem “Gelben Band” und verschiedenen ukrainischen Städten.
Foto: “Gelbes Band”

Später fanden sie Gleichgesinnte in den vorübergehend besetzten Gebieten Melitopol, Enerhodar, Henitschesk, Nowa Kachowka, Berdjansk, Donezk, Luhansk und auf der Krim. Der Koordinator sagt, dass die Menschen in den vorübergehend besetzten Gebieten eingeschüchtert sind, aber der Widerstand gegen das russische System nicht verschwunden ist.

“Wir müssen die Bevölkerung vereinen, die die nationalen [ukrainischen] Ideen unterstützt. Heute haben wir bis zu zweitausend mutige Menschen in unserem Team”, erklärt Iwan.

Patriotische Ideen

Wenn es keinen Drucker oder keine Farbe gab, zeichneten die Menschen aufmunternde Aufschriften – “Die Streitkräfte sind nah, die Streitkräfte kommen” oder den Buchstaben “Ї” (unter allen slawischen Sprachen kommt dieser Buchstabe nur im ukrainischen Alphabet vor) – von Hand. Die Idee des “Ї” ist es, ein eigenes Zeichen zu haben. Es wurde nur dort gemalt, wo die Russen es sehen würden, um sie zu verärgern und an den Widerstand zu erinnern.

“Ursprünglich sollte es der Buchstabe “R” sein – gegen das Referendum”, erklärt Iwan, “aber diese Idee haben wir verworfen. Die Aktivisten zeichneten verschiedene Buchstaben und schauten, wie sie aussahen. Als sie bei dem Buchstaben “Ї” stehen blieben, wurde ihnen klar, dass er die perfekte Wahl war.

Buchstabe “Ї” auf dem Plakat. Foto: “Gelbes Band”

Das erste derartige Symbol erschien Ende Juli an einer der Schulen. Später begann der Flashmob “Reißt den Raschismus ab”. Die Menschen sammelten Flugblätter, rissen Papierankündigungen ab und rissen russische Flaggen herunter. Nach Angaben der Koordinatoren haben sie so die Städte vom Raschismus befreit. Sie verbrannten Propagandaprodukte und filmten dies mit dem Telefon, schickten es an den Chatbot “Together” und verbreiteten es in sozialen Netzwerken.

Bei der Inspektion hatte jeder Aktivist zwei Telefone – eines für Arbeitsaufgaben und das andere ohne Kontakte und Symbole. Daher ist es notwendig, das Prinzip “Foto machen —  senden —  löschen” zu befolgen.

Wer sind die Teilnehmer der Bewegung?

Jede Stadt hat ihr eigenes Team. Die Aktivisten in Cherson sind 200 Personen unter der Leitung von Lilija. Sie trafen sich im Mai. “Sie hatte etwas Angst, sie sah  jeden Menschen als einen Verräter an, eine potenzielle Bedrohung, aber sie wollte helfen”, erinnert sich der Koordinator der Bewegung. Lilija bereitete Plakate und Bänder vor, malte Graffiti, klebte Flugblätter und gab Informationen über den Aufenthaltsort von Russen an die ukrainischen Streitkräfte weiter.

Eines der Teams wurde von Denys, einem IT-Spezialisten, geleitet. Da er seine Heimatstadt nicht verlassen wollte, hängte er zusammen mit den Aktivisten gelbe Bänder und Fahnen auf. Am 9. Mai nahm der Junge an der Kundgebung gegen die so genannte Siegesparade mit sowjetischen Fahnen teil. Daraufhin schlugen und entführten Russen pro-ukrainische Demonstranten. Die Menschen wurden im Kinosaal “Ukraine” eingesperrt und brutal misshandelt. Der FSB verhörte Denys mehrere Tage lang. 

Befreiung von Cherson

Als die Informationen über die Annäherung des ukrainischen Militärs an die Stadt aufgetaucht sind, postete der Koordinator der Bewegung “Gelbes Band” im Telegram: “Einwohner von Cherson, hier ist eine Aufgabe für euch”. Sie forderten die Menschen auf, alle ukrainischen Symbole, die sie zu Hause hatten, herauszunehmen. Sie hatten Embleme von Cherson, der Ukraine, den Streitkräften, dem Staatlichen Notfalldienst, blau-gelbe Fahnen und die von der Ukrainischen Aufständischen Armee.

“Als alle herauskamen und einen einzigen blau-gelben Hintergrund bildeten, erlebten wir einen angenehmen Schock”, sagt Iwan. “Die Leute mussten alles sorgfältig verstecken – unter dem Boden, im Hof, unter den Fliesen, tief in den Schränken. Die Menschen riskierten ihr Leben und bewahrten zu Hause Gegenstände auf, die von den Russen verboten worden waren.

Cherson in den ersten Tagen nach der Befreiung.
Foto: Wolodymyr Selenskyj

Laut Iwan ist es besser, ohne Strom, Wärme und Wasser zu leben, aber in einem freien Land. “Der Kampf geht weiter, und das Hissen der Fahnen ist eine der Errungenschaften unseres Militärs. Es ist einer der notwendigen Schritte auf dem Weg zum Sieg, damit jeder sehen kann – Cherson war und wird immer die Ukraine sein”, kommentiert der Mann.

Nach der Befreiung von Cherson hören die Mitglieder der Bewegung “Gelbes Band” nicht auf. Stattdessen wollen sie ihren Aktionsradius erweitern und die Zahl der lokalen Gruppen von derzeit Dutzenden auf Hunderte von Personen erhöhen. In den vorübergehend besetzten Gebieten führen sie ihre Arbeit im Untergrund fort und begleiten ihre Beiträge im Telegram-Kanal mit dem folgenden Text: „Damit die Besatzer unsere Streitkräfte jede verdammte Nacht in ihren Albträumen sehen – lasst uns gelbe Bänder auf allen Straßen anbringen! Gemeinsam siegen wir!”

Übersetzt von Oleksandra Sobol